Motobiking Vietnam – Tagebuch

Im Folgenden findest du eine detaillierte Schilderung meiner Erlebnisse in Vietnam. Viel Spaß beim Lesen! Falls du etwas Bestimmtes suchst, kannst du die einzelnen Kapitel auch über die Schnellauswahl ansteuern:

Tag 1 – Hinflug
Tag 2 – Ankommen
Tag 3 – Erste Fahrt, erster Unfall
Tag 4 – Auf dem Ho-Chi-Minh-Highway
Tag 5 – Mein neuer Facebook-Freund
Tag 6 – Die größten Höhlen der Welt
Tag 7 – Krank in Vietnam
Tag 8 – Von Panzern und Pussy
Tag 9 – Highway 1 ist scheiße
Tag 10 – Regen, Regen, Regen
Tag 11 – Kilometerfressen
Tag 12 – Little Russia
Tag 13 – Es sind die kleinen Dinge im Leben
Tag 14 – Urlaub vom Urlaub
Tag 15 – Ich und meine Matte
Tag 16 – V.C.A.B.
Tag 17 – Lebe wohl, alter Freund
Tag 18 – Apocalypse Now
Tag 19 – Das Geld muss weg
Tag 20 – Zurück zum Anfang
Tag 21 – Greatest Hits
Tag 22 – Auf Skull Island
Tag 23 – Abschied
Tag 24 – Heimat

Tag 1 – Hinflug

Abflug mit Turkish Airlines in Frankfurt, erste Zwischenlandung in Istanbul. Neben dem üblichen Filmprogramm im Flieger fange ich mit Remarques „Im Westen nichts Neues“ an.

Tag 2 – Ankommen

Zweite Zwischenlandung in Saigon, abends lande ich dann endlich in Hanoi. Ich ziehe mir 1.500.000 VND am Flughafen-ATM und setze mich direkt vor dem Terminal überhastet in einen privaten Kleinbus, da keinerlei große Busse zu sehen sind. Glücklicherweise kann ich mich aus der Nummer aber nochmal rausreden und finde wenige Minuten später Bus #86: Mit einem Ticketpreis von 36.000 VND ist er der günstigste Weg ins Stadtzentrum. Gegen kurz vor 22 Uhr komme ich im Golden Charm Hostel  an und lerne im Dorm Leandro aus Brasilien und eine Backpackerin aus Österreich kennen. Beide empfehlen mir den Hanoi Nightmarket direkt um die Ecke, daher schließe ich erstmal alle Sachen im Spind weg und mache mich auf.

Der Marktbesuch ist wie ein Sprung ins kalte Wasser – da mein letzter Besuch in Südostasien knappe zwei Jahre zurückliegt, habe ich die Intensivität der Eindrücke und Gerüche sowie den Lautstärkepegel fast vergessen. Doch schon nach wenigen Minuten verdränge ich alle europäischen Standards und ziehe drei Stunden lang durch das nächtliche Oldquarter, um alles gierig aufzusaugen. Zu essen gibt es frittierte, gefüllte Teigtaschen von einem kleinen Imbiss, dessen bunte Plastikhocker über die gesamte Straße verteilt herumstehen. Für Motobikes kein Problem, die passen zwischen den Essenden irgendwie durch. Ungefähr alle fünf Minuten kommt allerdings ein Auto vorbei. Dafür müssen die Gäste aufstehen, kurz mit ihren Höckerchen am Straßenrand warten, bevor sie sich anschließend wieder über die Straße verteilen können um weiter zu essen. Genial.

Tag 3 – Erste Fahrt, erster Unfall

Um 6:30 Uhr stehe ich auf und frühstücke in der Hostel-Lobby ein lecker Omelette. Danach mache ich mich auf um einen fahrbaren Untersatz zu suchen. Leider sehe ich nur wenige „For Sale“ Schilder vor Hostels, daher beschließe ich, im Golden Charm noch ein bisschen Internetrecherche zu betreiben. Dabei stoße ich auf den Händler Phung Motorbike mit sehr guten Rezensionen – auf auf. In dem kleinen Laden angekommen trinke ich einen sehr bitteren Tee und unterhalte mich länger mit dem Besitzer – Mr. Phung: Er hat eine große Auswahl an Zweirädern in seinem Warehouse, gerade wenn ich Schaltung fahren könnte würde ich dort ganz sicher fündig werden.

Auf die Frage wo das Lager denn ist, bekomme ich eine Nussschale von Helm in die Hand gedrückt und er zeigt auf einen roten Roller – „15 minutes away from here.“ Als er auf ein anderes Moped steigt wird mir etwas mulmig, eigentlich wollte ich irgendwo außerhalb meine ersten Fahrversuche tätigen und nicht im Zentrum von Hanoi. Yolo: Die ersten Minuten läuft es ganz gut, auch wenn Mr. Phung einige Male auf mich warten muss. Als ich dann, permanent „scheiße scheiße scheiße“ murmelnd, auf die vierspurige Trần Quang Khải aufbiege, verliere ich meinen Vorfahrer kurz aus den Augen und fahre, während ich nach ihm Ausschau halte, einem roten Kleinwagen hintendrauf. Der Fahrer schaut mich mit einer Mischung aus Unverständnis und Verwirrung an und versteht offensichtlich kein Englisch. Hoffentlich kann er irgendwie deuten, dass es mir Leid tut.

Nach einer spektakulären Fahrerflucht finde ich dann auch den Ladenbesitzer einige Meter weiter wieder und kann den Rest der Fahrt fast ein wenig genießen. Wichtiger Tipp: Schon hier lerne ich die goldene Regel fürs Motorradfahren in Vietnam – Fahre vorausschauend und so, dass andere Verkehrsteilnehmer dein Verhalten schon lange im Voraus deuten können. Geisterfahrten, Fahrten auf dem Bürgersteig – alles kein Problem, so lange man sich sukzessive vorarbeitet und anderen frühzeitig die Chance gibt zu reagieren. Es gibt dort nicht gefährlicheres, als plötzlich die Spur zu wechseln oder zu hart abzubremsen – so etwas sind die Vietnamesen nicht gewohnt.

In dem Warehouse angekommen werden mir sechs Honda Wins vorgestellt. Nach einer Prüfung der Reifen (Profiltiefe, Risse im Gummi, eingefahrene Nägel), des Rahmens (Brüche, Risse, Schweißnähte) und des Motors (Öl, Ruß, Kabel) bleiben zwei Modelle in der engeren Auswahl. Tipp: Lass dich nicht von überlackierten Teilen blenden. Bei Händlern ist es üblich, dass die aufgekauften Bikes eine ordentliche Portion neue Farbe bekommen, um schicker auszusehen. Verliert der Motor Öl, sind überlackierte Tropfen oder ein überlackierter, dickflüssiger Schmierfilm trotzdem zu erkennen, wenn man genau hinschaut. Kompromisse muss man natürlich eingehen, schließlich kauft man hier ein Moped, dass das Land wahrscheinlich schon diverse Male hoch- und runtergeorgelt wurde. Weitere Hinweise zum Kauf eines Motorrads in Vietnam findest du in dem Blogbeitrag Honda Win kaufen.

Nach einer erfolgreichen Probefahrt bekommt mein favorisierter Hobel noch neue Birnchen für den bis dahin kaputten Blinker, einen Gepäckträger mit vier Spannbändern, einen Ölwechsel und einen neuen Vorderreifen – danach wechselt er für 285 € den Besitzer. Die Rückfahrt zurück zum Laden in der Innenstadt verläuft ohne weitere Probleme. Den halben Kilometer zurück zum Hostel schiebe ich aber trotzdem, ohne Vorfahrer habe ich noch zu viel Schiss. Nachdem ich die Kette dick mit Vaseline eingefettet und die wichtigsten Schrauben alle mal nachgezogen habe, mache ich mich zum Ho-Chi-Minh-Mausoleum auf.

Abends plane ich den weiteren Trip im Hostel und weiche im Zuge dessen von der ursprünglichen Idee ab, zuerst in die Ha Long Bay zu fahren: Laut Leandro ist die Strecke nicht sehenswert und recht gefährlich, viele Trucks und Busse. Das Internet bestätigt diese Aussagen. Daher werde ich morgen den ersten Abschnitt des Ho-Chi-Minh-Highway in Angriff nehmen.

Tag 4 – Auf dem Ho-Chi-Minh-Highway

Um 5:40 Uhr klingelt der Wecker, ich packe die vorbereiteten Sachen und checke unheimlich aufgeregt aus. Dabei bekomme ich, wie leider später erst bemerkt, meinen Reisepass (wird in Vietnam in jedem Hotel/Hostel als Pfand einbehalten, gesetzlich vorgeschrieben) nicht wieder. Draußen montiere ich provisorisch die GoPro am Lenker und dann Abfaaahrt. Die Innenstadt ist noch komplett leer, daher komme ich gut durch. Wenig später, bei der Fahrt aus Hanoi raus, wird der Verkehr auch mal dichter, aber alles im Rahmen. Kleiner Tipp: LKWs und Busse lassen sich an Kreuzungen gut als „seitlichen Schutzschild“ benutzen, wenn man sich unsicher ist. Wenn du zusätzlich noch häufigen Gebrauch von der Hupe machst um dich anzukündigen, sollte eigentlich nichts passieren.

Die dichte, städtische Bebauung nimmt im Laufe der Fahrt langsam ab, hin und wieder komme ich an kleinen Feldern und brennenden kleinen Feuern direkt am Straßenrand vorbei. Vormittags fahre ich dann die erste wirkliche Überlandpassage, vorbei an kleinen Dörfern, den ersten Ochsenkarren und landwirtschaftlich genutzten Feldern.

Nach kurzer Zeit fahre ich auf den Ho-Chi-Minh-Highway auf. Dieser ist gut und gleichmäßig asphaltiert im Vergleich zu den Straßen bisher, es herrscht wenig Verkehr und es lässt sich sehr angenehm darauf fahren. Ich sehe die ersten wellenförmigen Berge und Hügel in der Landschaft, dazwischen entdecke ich immer wieder Fabriken und kleine Siedlungen. Gegen Nachmittag tanke ich das erste Mal für 25.000 VND und halte kurz darauf in Cam Thuy um endlich mal was zu essen. Leider finde ich dort aber nur einen kleinen Laden der Ca Phe anbietet, keine Speisen. Also bestelle ich mir einen vietnamesischen Kaffee auf Eis und mit gesüßtem Kondensmilchsirup – naja, meins isses nicht.

Dann verfahre ich mich noch zweimal, weiche einem kläffenden Hund am Straßenrand aus, überfahre eine kleine Schlange da ich sie zu spät gesehen habe und zockle immer weiter Richtung Tân Kỳ, meinem Etappenziel für den ersten Tag. Unterwegs winken mir immer wieder kleine Kinder zu und laufen meinem Motobike lachend nach – Backpack, geschlossene Schuhe und Knieschoner kennzeichnen mich eindeutig als Touri. Einmal bekomme ich sogar Tränen in die Augen, weil mich die ehrliche Freude der Kleinen so rührt.

Kurz vor Tan Ky kann ich gerade noch einem Huhn ausweichen, das ein mir entgegenkommendes Auto erwischt hat und dessen Körper mir dadurch entgegen gewirbelt kam. Es folgt noch ein Slalom durch eine Horde von Wasserbüffeln, die mehrere Bauern über den Highway treiben, bis ich am späten Nachmittag, nach guten 300 Kilometern die Stadt Tân Kỳ erreichte. Dort fällt beim Check In die Geschichte mit dem fehlenden Reisepass auf, doch der Hotellier des KmO Hotels gibt mir trotzdem ein Zimmer und behält statt dem Pass eine Kaution von 100.000 VND ein. Versuche, das Golden Charm Hostel in Hanoi über das Hoteltelefon zu kontaktieren blieben leider erfolglos. Die auf der Webseite des Hostels hinterlegte Nummer funktioniert nicht, daher bitte ich den Hotellier darum, eine Auskunft zu befragen. Sein Englisch reicht aber leider nicht aus um die Problematik zu verstehen – oder ich erkläre zu kompliziert.

Jedenfalls muss ich mich vorläufig mit einer Mail (Urgent matter!) zufriedengeben und mache mich gegen 18 Uhr auf die Suche nach einem Frühstück. Ich finde eine kleine Garküche, an der eine Art Reibekuchen, wahrscheinlich auf Knollenbasis, für 5.000 VND / Stück angeboten wird. Weil der Erste ganz gut schmeckt, kaufe ich direkt nochmal fünf um am nächsten Tag genug Proviant dabei zu haben. Im Hotel wasche ich im Anschluss die verdreckten und verstaubten Klamotten im Waschbecken und verteile sie zum Trocknen im Zimmer. Gegen 21 Uhr schlafe ich nach wenigen Seiten „Im Westen nichts Neues“ sehr müde und glücklich ein.

Tag 5 – Mein neuer Facebook-Freund

Um 4:30 Uhr werde ich wach, schaue mir noch ein bisschen vietnamesisches Fernsehen an und packe dann meine Sachen zusammen. Die ursprünglich verknotete Plastiktüte mit den fünf Reibekuchen liegt aufgerissen und verrutscht auf dem Beistelltisch – ich hatte also scheinbar einen nächtlichen Besucher. Da mir der Appetit auf Reibekuchen vergangen ist, gehe ich gegen kurz vor 7 Uhr nochmal zu einer anderen Garküche in der Nähe und kaufe einen Teller Reis mit stinky Tofu sowie ein kleines Baguette mit Hühnchen, Grünzeug und scharfer Soße für insgesamt 20.000 VND  – sehr lecker. Gegen kurz vor 8 Uhr verstaue ich meinen Kram auf dem Bike und fahre weiter. Ich passiere erste merkliche Steigungen und Täler auf meiner Route, die Strecke wird zunehmend dünner besiedelt. Nach zwei Tankstopps entdecke ich durch Zufall ein größeres Denkmal – vermute ich zumindest – am oberen Ende einer riesigen Treppe und halte kurz um es mir anzusehen. Toller Ausblick von oben.

In einem kleinen Bergdorf in der Provinz Hà Tĩnh lasse ich den ersten Ölwechsel (Tipp: Intervalle von ca. 500 Kilometern einhalten, das Moped dankt es dir) machen. Der junge Mechaniker ist unglaublich freundlich, man verständigt sich mit Hand und Fuß: Er schreibt mit einem Stöckchen eine 22 in den Sand, sieht mich fragend an und gibt mir den Stock – ich schreibe eine 26 daneben. Ich zahle ihm 90.000 VND und ziehe versehentlich noch eine Ein-Dollar-Note aus meinem Portemonnaie, die findet er viel interessanter als die vietnamesischen Scheine. Ich gebe ihm zu verstehen, dass er sie behalten kann. Er lächelt, holt sein iPhone und gibt mir zu verstehen, dass er gern ein Foto machen würde. Von Stöckchen auf Smartphone in 30 Sekunden – what a time to be alive.

Eine kleine Traube von Schulkindern mit Fahrrädern hat sich inzwischen um die provisorische Werkstatt und den bleichgesichtigen Sonderling versammelt. Eines davon kommt auf uns zu um das Foto zu machen. Abschließend bekomme ich das Handy mit Duongs Facebook und offener Suchleiste in die Hand gedrückt – ich suche mich, finde mich und füge mich als Freund hinzu. Nach einigen Verbeugungen und lauten „Byeee“ und „Hellooo“ Rufen zockle ich mit frischem Öl und guter Laune weiter.

Die Landschaft wird zunehmend beeindruckender: Ich fahre über Berge und durch Täler, vorbei an vielen wellenförmigen Hügeln, weitläufigen Palmenwäldern und vereinzelten Siedlungen. Der Phong Nha-Kẻ Bàng Nationalpark kündigt sich an. Am liebsten würde ich alle fünf Minuten anhalten um Fotos zu machen – von der Umgebung, aber auch von den riesigen Schmetterlingen, die mir glücklicherweise immer ausweichen, kurz bevor sie gegen das Visier klatschen würden. Nach einer letzten Serpentinenpassage erreiche ich eine breite Straße, die an eine überdimensionierte Landebahn erinnert.

Auf einer Brücke über den Sông Son River treffe ich zum ersten Mal auf Didi, ebenfalls ein deutscher Backpacker, ebenfalls alleine auf einer Honda Win von Phung Motorbike Richtung Saigon unterwegs. Nach einem kurzen Plausch trennen sich unsere Wege jedoch schnell wieder. Didi sucht nach der günstigsten Möglichkeit in der Nähe des Nationalparks zu pennen, ich suche nach dem Phong Nha Farmstay – einer von westlichen Auswanderern umgebauten Farm in einem kleinen Dschungeldorf. Mit dem westlichen Umbau gehen auch westliche Preise umher, daher definitiv nicht die günstigste Alternative.

Nach kurzem Suchen finde ich die Farm in Xã Cự Nẫm. Da nur noch das Familienzimmer mit acht (!) Betten frei ist, ich es aber auf den Einzelzimmerpreis heruntergehandelt bekomme, checke ich für schmerzhafte 910.000 VND ein. Die Hotelchefin verspricht mir, sich um meinen Reisepass zu kümmern und will diesen mit einem Postbus aus Hanoi zur Farm schicken lassen – ich bin dankbar, aber auch ein wenig skeptisch. Wenn der Pass wegkommt, stehe ich bei der Abreise natürlich ziemlich blöd da. Naja wird schon werden. Das Familienzimmer besteht jedenfalls aus zwei Zimmern, einer kleinen Fernseh-Ecke sowie einem Indoor- und einem Outdoor-Bad. Dort angekommen ist erstmal Wäsche machen angesagt, Pulli und Hose haben es dringend nötig. An der Rezeption buche ich im Anschluss noch eine geführte Tagestour durch den Nationalpark für 1.350.000 VND.

Nach einem guten, aber ebenfalls teuren Thai Curry unterhalte ich mich auf der Veranda noch mit einem Franzosen, der nach Australien ausgewandert ist, über Gott, die Welt und das Reisen und gehe nach dem zweiten Bier ins Bett. Wirklich empfehlen kann ich den Laden nur, falls du ebenfalls deinen Pass zugeschickt bekommen willst/musst – das hat hervorragend geklappt. Ansonsten gibt es haufenweise günstigere Alternativen. Das Personal ist zwar nett, aber die Preise sehr hoch im Vergleich mit dem Landesstandard und meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt: Die Lage ist nicht so spektakulär wie angegeben (eher „mitten im Dorf“ statt „mitten im Dschungel“), auf der Bordüre lagen Mäuseköttel und Fernseher und Föhn waren kaputt. Das hätte alles schon etwas exklusiver sein dürfen.

Tag 6 – Die größten Höhlen der Welt

Morgens um 6 Uhr stehe ich auf, packe meine Sachen zusammen und gehe auf der Veranda frühstücken. Um kurz vor 8 Uhr holt mich der Veranstalter Jungle Boss, vertreten durch eine sehr kleine Führerin, zur Cave Tour durch den Park ab. Neben mir steigen ein jüngeres, neuseeländisches Pärchen, eine ältere und recht korpulente Australierin und – huiii – vier deutsche Backpackers in den kleinen Bus. Das riecht nach jeder Menge Smalltalk und dem obligatorischen „Wo-ich-schon-überall-war“-Standoff.

Der erste Stop ist die unglaublich weitläufige Paradise Cave. Diverse Scheinwerfer leuchten Teile der Höhle aus und lassen deren Größe erahnen. Während der Führung lerne ich einige interessante Fakten zu Stalaktiten (v) und Stalakmiten (^). Wir gehen ungefähr einen Kilometer in die Höhle hinein bis zum Ende des befestigten Fußweges – weiter kommt man nicht per pedes sondern schwimmend, und das auch nur in der Trockenzeit.

Auf dem Weg zum Bus entdecken wir noch eine riesige Spinne – nice. Der zweite Stop führt uns zur Eight Lady Cave direkt an der Road 20, der bedeutendsten Straße des Vietcong während des Vietnamkriegs. Die Höhle selbst ist unscheinbar – eigentlich nur eine kleine Grotte mit einem Altar darin – die Geschichte, die sich in Kriegstagen darin zugetragen hat dafür umso interessanter. Im Anschluss geht es zu Fuß weiter, einen steilen Abhang hinunter direkt in den Dschungel. Hier macht sich der Mückenschutz bezahlt, denn neben diversen Bombenkratern gibt es hier auch Moskitos im Überfluss. Nach ca. 30 Minuten Fußmarsch gelangen wir an eine malerische Lichtung am Fuß dicht bewachsener Berge, direkt am Ufer eines kleinen Flusses. Nach einem vietnamesischen BBQ – Rindfleisch, gegrillter Tofu und bittere Blätter, eingerollt in Reispapier (Rollen hat bei mir nicht so geklappt) – geht es in Badesachen, mit Kopflampe und Rettungsweste durch den angrenzenden Fluss.

Am anderen Ufer angekommen folgt ein Aufstieg über eine Geröllpiste bis zum Eingang der Tra Ang Cave. Nach einer kurzen Einweisung schwimmen wir ca. 600 Meter hinein in die völlige Dunkelheit. Hier und da kreuzt mal eine Fledermaus den Lichtstrahl, ansonsten sind wir ganz alleine in der riesigen Höhle – eine tolle Erfahrung. Man vergisst auch fast wie arschkalt das Wasser ist, aber nur fast. Tipp: Falls du in einer der Höhlen schwimmen gehst, nimm dein Handtuch mit bis zum Eingang. Draußen angekommen klettere ich zitternd bis zum Fluss runter, durchquere diesen und wickle mich dankbar in mein Handtuch. Es gibt einen heißen vietnamesischen Kaffee gegen die Kälte – leider zu spät für mich, wie sich nachts zeigen wird. Über den Dschungelpfad geht es wieder zurück zur befestigten Straße, wo ich mich sehr angenehm mit den beiden Neuseeländern unterhalte. Auch für Tim aus Deutschland muss ich im Nachhinein eine Lanze brechen, war ein netter Kerl.

Zurück im Farmstay esse ich noch schnell zu Abend, nehme glücklich meinen Reisepass in Empfang und werde dann von einer vietnamesischen Dorfbewohnerin auf ihrem Motobike abgeholt. Weil der Farmstay komplett ausgebucht ist, hat die Chefin mich an Locals vermittelt: Für 200.000 VND kann ich auf einer „echten“ Farm in der Scheune pennen.

Dort erwarten mich einige Hochbetten (glücklicherweise mit Moskitonetzen), ein großer Wassertank mit Toilette und ein WLAN-Router – nice. Während ich 21 Jump Street auf Youtube gucke und versuche das Geklacker und Gekrabbel um mein Bett herum zu ignorieren, kündigt sich die Erkältung an. Tipp: Moskitonetze unter die Matratze klemmen, wenn du sichergehen willst, dass nachts niemand kuscheln kommt. Achte darauf die Netze etwas anzuheben, damit sie nicht unter Spannung stehen. Sonst können sie reißen, wenn du nachts versehentlich dagegenkommst.

Tag 7 – Krank in Vietnam

Nach einer wenig erholsamen Nacht bleibe ich morgens noch bis 7 Uhr liegen, gehe dann heiß duschen und frühstücke bei der Bäuerin ein Spiegelei mit Baguette. Um 8 Uhr fahre ich bei strahlendem Sonnenschein und laufender Nase los. Da der Gedanke an ein gemütliches Bett der einzige Antrieb an diesem Tag ist, entscheide ich mich für die kurze Route nach Khe Sanh, vorbei am Nationalpark (175 km). Von Didi habe ich später allerdings erfahren, wie schön die lange Route (245 km) quer durch den Nationalpark sein soll. Daher würde ich dir, solltest du nicht mit Durchfall und Rotznase auf deinem Moped hängen, auch die lange Strecke empfehlen. Tipp: Starte auf jeden Fall mit vollem Tank, in dieser Region sind Tankstellen sehr rar gesät.

Nach mehreren kleinen Regenschauern und einer müßigen Bergpassage komme ich gegen 12 Uhr hoch oben in Khe Sanh an. Dort nehme ich mir für 200.000 VND ein Zimmer in dem ersten Hotel das ich sehe und gehe direkt ins Bett. Gegen 16:30 Uhr klopft es an meiner Tür und Didi begrüßt mich, er hat mein Motobike vor dem Hotel gesehen und sich ebenfalls ein Zimmer genommen. Ich gehe nochmal heiß duschen, danach essen wir ein Baguette und zwei süße Teilchen beim Bäcker um die Ecke und unterhalten uns noch ein bisschen. Im Anschluss gehe ich wieder ins Bett, döse und buche schonmal den Rückflug von Saigon nach Hanoi. Tipp: Skyscanner funktioniert auch innerhalb Vietnams optimal – für den Flug meiner Wahl mit Jetstar Pacific habe ich rund 60€ bezahlt.

Tag 8 – Von Panzern und Pussy

Gegen 7:30 Uhr stehe ich auf und gehe wieder heiß duschen. Ich frühstücke zwei Baguettes und frage den Hotelbesitzer nach der Khe Sanh Combat Base, da mein Navi und Google Maps verschiedene Adressen anzeigen. Bestimmt eine Stunde suche ich nach dem dämlichen Museum, bis ich die Ausschilderung endlich finde. Scheinbar war ich noch nicht ganz wach.

Für 40.000 VND Eintritt kaufe ich mir ein Ticket und verbringe eine knappe Stunde auf dem Gelände. Die Panzer, Blackhawks, Flugzeuge und Bunkeranlagen sollte man sich meiner Meinung nach schon einmal anschauen, wenn man dort vorbeikommt. Die Berichterstattung innerhalb des gesamten Museums ist sehr einseitig: „Vietnamese soldiers fighting glorious for their home country“ vs. „American soldiers screaming and praying for help“. Damals noch von mir belächelt, habe ich seit dem Besuch des War Remnants Museum in Saigon großen Respekt vor den Vietnamesen und ihrer Art, mit der grausamen Vergangenheit umzugehen – dazu jedoch später mehr.

Im Anschluss hole ich meine Sachen im Hotel ab und fahre einen sehr engen und kurvigen Abschnitt des Ho-Chi-Minh-Highways Richtung Huyện A Lưới um meinen Angstgegner, den dicht befahrenen Highway 1, zu umgehen. Auf dem Weg Richtung Huế bekomme ich erstmals längere Regenschauern ab, passiere schöne Wasserfälle und kann glücklicherweise noch gerade so einem suizidgefährdeten Hundewelpen ausweichen. Tipp: In Vietnam kann dir immer und überall etwas vors Motorrad laufen oder springen – achte daher trotz Landschaft usw. immer so gut es geht auf die Straße vor dir!

Gegen ca. 16 Uhr biege ich zum ersten Mal auf den Highway 1 ab und fahre ein kleines Stück nach Huế rein. Es sind zwar einige Laster unterwegs, aber alles halb so wild. In der Innenstadt angekommen checke ich bei sehr freundlichem Personal im Casablanca Hotel ein und bekomme erstmal Tee und Kaffee aufs Haus, wegen meiner Erkältung. Abends spaziere ich noch etwas durch die Stadt. Zum ersten Mal seit Hanoi sind hier wieder touristische Züge erkennbar: junge Männer bieten mir mehrfach Weed, Koks und/oder Frauen („good vietnamese pussy“) an. Da ich nach gründlicher Überlegung ablehnen muss und mein eigenes Bett vorziehe, plane ich noch ein bisschen die Route der nächsten Tage und gehe danach früh schlafen.

Tag 9 – Highway 1 ist scheiße

Gegen 8 Uhr gehe ich in der Hotellobby frühstücken, draußen regnet es schon den ganzen Morgen stark. Als der Regen in ein leichtes Nieseln übergeht, latsche ich mit zwei Paar Socken in den klammen Schuhen 4 km bis zur Imperial City. Dort zahle ich 150.000 VND Eintritt und besichtige die teilrestaurierten Tempelanlagen (der Großteil wurde im Krieg zerbombt). Hier lernt man Einiges über die Geschichte des Landes – sowohl über die Kaiserzeit, als auch über die jüngere Vergangenheit und den Vietnamkrieg. Wenn du geschichtlich interessiert bist, solltest du diesen Besuch also definitiv mitnehmen.

Im Anschluss flaniere ich klatschnass zurück ins Hotel und esse im Xuan Trang Cafe um die Ecke zu Mittag – heißer Ingwertee und Kaffee inklusive. Danach packe ich mich so gut es eben geht wasserdicht ein, lasse noch meinen zweiten Ölwechsel machen und versuche anschließend über kleinere Straßen an der Küste entlang nach Hội An zu kommen. Nach 15 Minuten endet meine Fahrt abrupt in einer Sackgasse. Da mein Fahrradponcho bereits zerfleddert ist und mein Navi den Küstenweg einfach nicht schlucken will wähle ich die schnellste Route: Highway 1.

Kurz hinter Huế winkt mir ein Local, der ebenfalls auf einem Motobike unterwegs ist, wild zu und bedeutet mir anzuhalten. Am Straßenrand versucht er mir in auffällig gutem Englisch klar zu machen, dass mein Hinterrad gefährlich schlackert und ich unbedingt zu einem Mechaniker muss – er kennt auch zufällig einen in der Nähe. Tipp: Seid bei so etwas sehr kritisch. Die Ursache für ein schlackerndes Hinterrad z.B. müsste sich auch im Stand leicht finden lassen. Natürlich war alles in bester Ordnung und der Kollege wollte eine schnelle Mark mit dem dummen Touri verdienen. Aber nicht mit mir Freundchen!!! Glücklicherweise war dies meine einzige wirklich negative Erfahrung mit den ansonsten sehr freundlichen und hilfsbereiten Vietnamesen.

Gestern noch müde belächelt, zeigt die Hauptverkehrsader Vietnams heute ihr wahres Gesicht: Unmengen von großen Trucks sind unterwegs, die mit ihrer Fahrweise ganz klar aufzeigen, dass hier das Recht des Stärkeren gilt. Der Dauerregen erschwert zusätzlich die Sicht und macht diesen Abschnitt im Nachhinein zur gefährlichsten Passage meiner Reise. Tipp: Der Blick in den Rückspiegel ist hier fast genau so wichtig wie der Blick auf die Straße – viele LKW-Fahrer scheren nicht aus wenn sie überholen wollen, sondern erwarten, dass langsamere Verkehrsteilnehmer auf den Seitenstreifen wechseln. Auf diesem fahren allerdings häufig Zweiräder entgegen der Fahrtrichtung – also sei vorsichtig, aufmerksam und (wie bereits gesagt, das Wichtigste überhaupt) verhalte dich vorhersehbar.

Als mich irgendwann zwei sich gegenseitig überholende Trucks überholen und ich brav auf den Seitenstreifen wechsle, sehe ich mich dort statt mit einer asphaltierten Fahrbahn mit einem ca. 20 Meter langen Wasserloch konfrontiert – die Straße ist unterspült. Bei einer Vollbremsung hätte es mich auf der nassen Straße sicherlich umgelegt und ausweichen kann ich nicht, da die Fahrbahn rechts durch die Leitplanke und links durch die LKW begrenzt ist. Also bremse ich sehr zaghaft ab und bete, dass das Loch nicht allzu tief und vor allem die Straße darunter nicht aufgerissen ist. Ich schätze, dass ich mit ca. 50 km/h in die überdimensionale Pfütze hereingefahren bin. Das Wasser geht mir bis zu den Füßen, aber bis auf ein bisschen Geschlenker passiert nicht viel. Die Erleichterung darüber dauert allerdings nur wenige Sekunden an, denn der LKW neben mir produziert bei der Durchfahrt eine riesige Welle, die mich von oben bis unten trifft und eine amtliche Menge Wasser schlucken lässt. Komme mir vor wie im Comic.

Zwar regnet es noch, aber die Straßenverhältnisse verbessern sich: Ich fahre vom Highway 1 aus auf die ca. 25 Kilometer lange Đèo Hải Vân ab, die direkt über den Wolkenpass führt. Nach einem steilen, kurvigen Aufstieg mündet die Straße in eine kurze Bergpassage, welche die Trennlinie der beiden Klimazonen Süd- und Nordvietnam darstellt und fast immer in dichten Nebel gehüllt ist – daher der Name. Auch als ich den Wolkenpass überquere, lassen sich die Bergkuppen in der Ferne nur erahnen. Erst bei der ebenfalls recht steilen Abfahrt öffnet sich die Wolkendecke ein wenig und ich kann einige kurze Blicke auf das vor mir liegende Küstengebiet erhaschen.

Nach weiteren eineinhalb Stunden Fahrt erreiche ich vollkommen durchnässt das kleine, jedoch sehr touristisch geprägte Fischerdorf Hội An und checke im Dai Long Hostel ein. Dort gehe ich erst einmal so lange heiß duschen wie es der Boiler zulässt – etwa zwei Minuten. Im Anschluss gebe ich ca. 3/4 aller meiner Klamotten zur Wäsche, da heute auch vieles im Rucksack nass und klamm geworden ist.

Im Anschluss spaziere ich mit meinem zerfledderten Fahrradponcho im Regen ein bisschen durch Hội An, esse im BOBO Restaurant recht gut zu Abend und unterhalte mich mit einem älteren Pärchen aus Australien. Gegen 21 Uhr gehe ich zurück ins Hotel und schaue mir noch ein paar amerikanische Hitler Dokus auf Discovery Channel an.

Tag 10 – Regen, Regen, Regen

Um kurz nach 8 Uhr stehe ich auf und frühstücke Pho und Käffchen. Dann spaziere ich in und durch die Old Town von Hội An. Zwar ist es bewölkt und sieht nach Regen aus, doch bisher hält es sich und ich bleibe mal trocken. Die Altstadt ist eine schnuckelige, einladende Gegend – die kleinen Häuser sind in verschiedenen Orangetönen gestrichen und versprühen einen eigenen Charme. Ebenfalls findet man dort einen Fischmarkt, auf dem man schon morgens gegrillte Delikatessen aus der Region angeboten bekommt. Viele Souvenirshops, Schneidereien und Restaurants kennzeichnen den touristisch geprägten Charakter des (ehemaligen) Fischerdorfs, haben mich jedoch nicht groß gestört. Will man sich etwas Maßgeschneidertes anfertigen lassen, so ist Hội An neben Saigon the place to be – hier finden sich Lederwaren und feine Stoffe in allen Farben und Maßen.

Gegen kurz nach 10 Uhr bekomme ich meine gewaschene Wäsche aufs Zimmer. Das nehme ich zum Anlass alles einzupacken und weiter zu fahren, um das verregnete Zentralvietnam schnellstmöglich hinter mich zu bringen und endlich Sonne im Süden tanken zu können. Nach 20 Minuten Fahrt im Trockenen geht es dann auch schon wieder los. Über mehrere sehr matschige, kleinere Straßen erreiche ich nach kurzer Zeit wieder meinen geliebten Ho-Chi-Minh-Highway – doch auch dieser ist von vielen schlecht gesicherten Baustellen und Schlaglöchern mit Swimmingpool-Ausmaßen geprägt. Bei meiner Fahrt passiere ich mehrere kleine und einen recht großen Wasserfall sowie einen eindrucksvollen, nebligen Regenwald.

Gegen 16 Uhr habe ich nach 5 1/2 Stunden Fahrt im Dauerregen keine Lust mehr und halte spontan am Ban-Me-Dakruco Hotel in einem größeren Bergdorf in Huyện Đắk Glei. Der Besitzer spricht kein Englisch, zeigt sich aber freudig erregt als ich ihm klarmache, dass ich gerne in seinem Hotel übernachten würde. Für 200.000 VND bekomme ich ein Zimmer mit unheimlich hoher Decke, vielen Spinnen an eben dieser und einer Aussicht auf den Schweinestall des Nachbarn. Nach einer sehr heißen Dusche (der Boiler war erstaunlich ergiebig), kaufe ich in einem kleinen Supermarkt gegenüber noch ein paar Gery Cheese Crackers sowie zwei Rollen Oreos und esse zu Mittag bzw. zu Abend.

Tag 11 – Kilometerfressen

Um 7 Uhr klingelt der Wecker und ich esse ein paar Käsekräcker (gewöhnungsbedürftige Kombi aus Keks, Analogkäse und Zucker) zum Frühstück. Draußen packe ich meine Sachen aufs Moped, verabschiede mich vom Hotelbesitzer und schmiere die Kette mit Vaseline ein. Tipp: Besonders nach Regenfahrten immer darauf achten, dass die Kette gut geschmiert ist! Vormittags halte ich einmal kurz am Straßenrand und esse die zweite Rolle Oreos komplett auf. Danach fahre ich lange lange weiter – vorbei an Kon Tum und Pleiku – immer Richtung Buôn Ma Thuột. Ich passiere ländliche Gegenden mit rötlichem Boden und steppenhafter Vegetation, die mich stark an Australien erinnern. Außerdem bekomme ich wieder einige Regenschauern ab, aber meine Socken-in-Mülltüten-Konstruktion habe ich inzwischen so weit perfektioniert, dass die Füße fast nicht mehr nass werden.

Gegen 15:30 Uhr komme ich nach über 350 Kilometern in Buôn Ma Thuột an und steuere direkt bei der Einfahrt in die Stadt das erstbeste Hotel an – Hintern und Nacken wollen nicht mehr. Ich humple in die Rezeption vom Khách Sạn Công Đoàn Ban Mê Hotel und bekomme für 200.000 VND ein Zimmer mit großem Schimmelfleck an der Decke – aber ist ja nur für eine Nacht. Die erhoffte ausgiebige, heiße Dusche bleibt wegen mangelnder Boilerkapazität leider mal wieder aus.

Kurz vor der Dämmerung spaziere ich noch ein wenig in Richtung Stadtzentrum, kaufe mir für 10.000 VND ein belegtes Baguette an einem kleinen Straßenstand und ärgere mich, weil ich wenige Schritte weiter einen KFC entdecke. Die vietnamesische Küche an sich ist nicht schlecht, aber das Angebot auf meiner bisherigen Route ließ teilweise sehr zu wünschen übrig – daher freue ich mich wahnsinnig über ein bisschen westliches Fastfood. Zurück im Hotel schaue ich mir Fotos der bisherigen Reise an, schreibe mit meiner Freundin, Freunden in der Heimat und Didi und gehe recht früh ins Bett.

Tag 12 – Little Russia

Gegen 7:30 Uhr stehe ich auf, schaue ein bisschen Fernsehen (The Revenant läuft) und mache mich anschließend auf, um mich um 9 Uhr mit Didi am KFC zu treffen. Er hatte vor einigen Tagen einen Unfall – ein anderes Motobike kam aus einer Seitenstraße und hat ihm die Vorfahrt genommen, er ist reingekracht und über den Lenker gegangen. Dafür sehen er und sein Motorrad noch ganz gut aus – nur an seinen Knien und dem Rahmen der Honda sieht man die Blessuren. Erst tauschen wir ein paar Erfahrungen mit den Motorrädern aus und schauen gemeinsam nach, ob alles an seinem Bike funktioniert, dann frühstücken wir erst im KFC und im Anschluss bei einer Garküche um die Ecke – ganz schön dekadent. Abschließend lasse ich noch einen Ölwechsel machen und vorsichtshalber für 60.000 VND eine neue Zündkerze einbauen – in den letzten Tagen ist meine Win öfter schlecht angesprungen, vor allem nach den langen Regenfahrten.

Dann verabschieden wir uns voneinander, wollen aber weiter in Kontakt bleiben. Auf der Fahrt aus der Stadt heraus halte ich nochmal kurz an einem Coffeeshop (hehe) und kaufe für 143.000 VND 200 Gramm vakuumverpackte Weasel-Coffee Bohnen für meine Eltern. Buôn Ma Thuột gilt als die Landeshauptstadt in Sachen Kaffee und der vietnamesische Wiesel-Kaffee als einer der besten weltweit: Die Wiesel sind darauf trainiert nur die besten und reifsten Kaffeebeeren zu fressen. Nachdem sie diese verdaut haben, scheiden sie die Bohnen der perfekten Früchte aus. Diese werden im Anschluss gereinigt, sortiert und – als Spezialität – deutlich teurer als normale Kaffeebohnen angeboten.

Auf dem Weg nach Nha Trang habe ich endlich mal Glück mit dem Wetter – links und rechts von mir stehen dunkle Regenwolken am Himmel, doch genau über mir scheint die Sonne. Mit kurzer Hose, hochgekrempeltem Pulli und ohne Mülltüten über den Socken zockle ich gut gelaunt in Richtung Meer. Hatte fast vergessen wie schön das Motorradfahren in Vietnam sein kann.

Nachmittags komme ich in Nha Trang an. Der Verkehr ist hier relativ dicht, auffallend viele Reisebusse sind unterwegs. Bei der Fahrt an der Standpromenade entlang sehe ich Hotels und Hochhäuser, die so gar nicht in das Vietnam passen, das ich bisher kennengelernt habe. Später zeigt sich, dass Nha Trang ein beliebtes Reiseziel für russische Pauschalurlauber zu sein scheint. Ich werde überall mit Russisch angesprochen – vietnamesische Kultur und Sprache wurde hier erfolgreich von Väterchen Frost verdrängt. Beim Anblick der vielen Touristen mit dickem Bauch, goldbehangener Brust und hummerroter Haut muss ich unweigerlich an Bierkönig und Ballermann 6 denken. Hier gefällts mir nicht, daher ziehe ich mich nach einem mittelmäßigen Abendessen schnell auf mein kleines Zimmer im Truong Giang Hotel zurück und plane die weitere Route.

Die Gegend um Mũi Né, die ich als nächstes bereisen möchte, ist scheinbar berüchtigt für Polizisten, die es gezielt auf die Portemonnaies von Backpackern auf Motobikes abgesehen haben. Es wird empfohlen, nur abends oder früh morgens zu fahren, um die Gefahr eines saftigen Bestechungsgeldes zu minimieren. Gut zu wissen.

Tag 13 – Es sind die kleinen Dinge im Leben

Um 7:30 Uhr klingelt der Wecker. Ich gönne mir ein Chicken-Sandwich mit Kaffee zum Frühstück und fahre im Anschluss über volle Straßen zum Tháp Bà Ponagar, einem alten hinduistischen Tempelkomplex am Stadtrand von Nha Trang, wo ich direkt vor der Anlage parke. Der Zutritt kostet 22.000 VND und ist gerechtfertigt – die Tempelanlage an sich ist nicht sonderlich beeindruckend, aber umgerechnet ca. 80 Cent tun nicht weh. Zudem hat man von dem Hügel aus einen schönen Ausblick auf Nha Trang. Rund 40 Minuten verbringe ich auf dem Gelände, bedecke meine Extremitäten, gehe in die engen Tempel hinein und schaue mir eine seltsame Bet-Tanz-Performance einiger traditionell gekleideter Frauen an – klassisches Tourizeug.

Auf der Rückfahrt springt plötzlich mitten im Verkehr die Kette ab, lässt sich aber zum Glück problemlos wieder aufziehen – scheinbar hat sie sich ein gutes Stück geweitet während der letzten 1.850 Kilometer. Im Hostel frage ich nach einem kompetenten Mechaniker und werde wenige hundert Meter weiter auch gleich fündig: Für 50.000 VND lasse ich ein Glied entfernen (haha) und die Kette neu spannen. Danach mache ich mich auf nach Mũi Né. Die ersten zwei Stunden fahre ich im Regen, der allerdings lange nicht so stark ausfällt wie in den Tagen zuvor. Später klart es auf und zum Nachmittag hin fahre ich bei schönstem Wetter. Der Highway 1 zeigt sich zudem von seiner erträglichen Seite – das Verkehrsaufkommen ist sehr übersichtlich.

Irgendwo im Nirgendwo bekomme ich dann wieder Probleme mit meiner Kette. Diesmal springt sie jedoch nicht nur ab, sondern ich verliere sie und finde sie 50 Meter hinter mir auf dem Seitenstreifen wieder. Scheinbar hat der Mechaniker das Bindeglied nicht richtig montiert, denn es fehlt und macht die Kette nutzlos. Einige Meter weiter finde ich einen kleinen Shop, der offensichtlich Fliesen und Badarmaturen anbietet. Direkt davor erneuert ein junger Mann an einem hochgebockten Tuktuk die Bremsen. Ich begrüße ihn auf vietnamesisch, zeige ihm Kette und Motorrad und frage nach einer „Xuong“  (deutsche Aussprache des vietnamesischen Wortes für Werkstatt, hoffe ich). Er schaut sich die Kette an, lächelt, nimmt sie mir ab und verschwindet in Richtung einiger anderer Häuser. Ich warte vor dem kleinen Laden und schließe in der Zwischenzeit Freundschaft mit drei Hundewelpen, die das Treffen bisher durch aufgeregtes Kläffen und Fiepen kommentiert haben.

Nach fünf Minuten kommt er wieder, mit meiner Kette in der einen und einigen Kettengliedern inklusive Bindeglied in der anderen Hand. Zuerst versuchen wir das Bindeglied von den restlichen Kettengliedern zu trennen, doch die Kette ist verrostet und wir bekommen es nicht los. Also bedeutet mein Helfer mir, die Kette über einem Ringschlüssel zu fixieren, während er mit Hammer und Schraubenziehern versucht einen Stift aus der Kette zu schlagen. So könnte man das komplette Teil in meine Kette integrieren. Doch auch diese Versuche scheitern, begleitet von einigen deutschen und vietnamesischen Flüchen. Das Metall ist bereits zu stark korrodiert. Kurzerhand geht der junge Ladenbesitzer zu seinem Roller, entnimmt der Kette das Bindeglied und hält es mir lächelnd vor die Nase. Natürlich hat er mein wiederholtes „are you sure?“ nicht verstanden, aber ich glaube er konnte den fragenden Blick deuten, denn er legt es in meine Hand, zeigt Daumen hoch und nickt nur. Der Einbau geht schnell, und eine gute halbe Stunde nach dem Zwischenfall bin ich wieder startklar. Ich will meinem Helfer Geld geben, doch er lehnt es entschieden ab. Also verabschieden wir uns und ich beteuere nochmals sehr gerührt meinen Dank. Diese Erfahrung ist rückblickend die schönste Erinnerung an meine Vietnamreise.

Ich fahre vorsichtig schaltend weiter, aber die Kette hält. Mũi Né kündigt sich durch vermehrt auftretende Sanddünen in der Landschaft an und Vietnam zeigt sich, mal wieder, von einer ganz neuen Seite. Entlang des Highways prägen große Felsbrocken das Erscheinungsbild der Küstengegend. Ich sehe industrielle Hafenanlagen, große Fabriken und auch immer mal wieder das Meer. Mich erinnert das Ganze an eine asiatische Mischung aus einer nordamerikanischen Wildwest-Landschaft und dem australischen Outback – obwohl es an diesen Orten etwas weniger Ozean gibt als hier. Gegen kurz vor 17 Uhr biege ich vom Highway ab und fahre durch eine sanfte Hügellandschaft dem Meer und einem traumhaften Sonnenuntergang entgegen. Ich halte mehrmals an um Fotos zu machen und trotzdem gelingt es mir nicht, die Schönheit in Bildern festzuhalten. Jedenfalls macht diese Erfahrung den Regen der letzten Tage mehr als wett.

Gegen kurz vor 18 Uhr komme ich am Long Son Restaurant & Campground an, wo ich mich für drei Nächte einmiete und ein Bett im Coconut Dorm beziehe. Die verschiedenen Dorm-Rooms bestehen nur aus einem Dach aus Palmenblättern und ca. 20 Betten mit Moskitonetzen. Sie haben keine Seitenwände und – das beste überhaupt – sie stehen direkt am Strand. Nach einem Abendessen an der Bar entdecke ich mehrere Hängematten hinter einem der Gebäude, von denen man eine schöne Aussicht auf das nächtliche Meer und den Vollmond darüber hat. Die zweite, wahnsinnig kitschige Momentaufnahme für heute. Ungefähr eine Stunde liege ich in der Matte, schaue mir den Mond an und höre dem Rauschen zu, bis mir gegen kurz vor 23 Uhr die Augen zufallen und ich schlafen gehe. Man ist das schön hier.

Tag 14 – Urlaub vom Urlaub

Da der Wind nachts mehrmals mein Moskitonetz aufweht und meine Ohren das Meeresrauschen scheinbar als weniger beruhigend empfinden als ich es mir wünsche, wache ich gegen 8 Uhr zerstochen und ziemlich unausgeschlafen auf. Ich trage Mückenspray auf und gönne mir im Restaurantbereich ein Spanish Omelette mit vietnamesischem Kaffee und frischer Milch zum Frühstück.

Die drei Tage im Long Son habe ich in erster Linie zur Erholung von den Strapazen meiner Reise eingeplant, entsprechend gestaltet sich der Tagesablauf. Den Vormittag verbringe ich in meiner Hängematte am Strand und lese „Im Westen nichts Neues“ (Leseempfehlung!) fertig. Mittags werde ich von einem alten Vietcong-Jeep zur Sanddune-Tour abgeholt, die mich und fünf weitere Teilnehmer zuerst an einen kleinen Fluss führt, durch den man barfuss waten kann. Ist ganz nett, aber scheinbar auch Bestandteil von allen Sanddune-Tours in der Umgebung. Entsprechend überlaufen sind der kleine Fluss und die angrenzenden Sandsteinfelsen. Nach 40 Minuten zur freien Verfügung geht es weiter an die Grenzen des Städtchens Mũi Né. Von dort aus hat man eine tolle Aussicht auf die Hafenbucht, in welcher sich unzählige kleine Fischerboote tummeln.

Nach weiteren 10 Minuten steuert der alte Jeep die White Dunes in der direkten Umgebung an und bleibt dabei auf der Strecke – der Gaszug reißt. Während der Fahrer eine verbeulte Werkzeugkiste unter den Sitzen hervornestelt, habe ich die Gelegenheit einen Blick unter die Haube dieses rollenden Museums zu werfen: Interessant und mitleiderregend zugleich. Nach erfolgreicher Reparatur und Weiterfahrt empfängt uns eine Dünenlandschaft, die man eher in Nord- oder Südafrika vermutet hätte. Ich spiele mit dem Gedanken mir für eine halbe Stunde ein Quad zu leihen, aber 400.000 VND und der erbärmliche Zustand der Mühlen halten mich davon ab. Ich begnüge mich damit umherzuwandern, den Ausblick zu genießen und Quadfahrer zu beobachten, die sich mangels Erfahrung im tiefen Sand festfahren.

Im Anschluss folgt ein weiterer Stop bei den Red Dunes. Die Dünenlandschaft ist flächenmäßig etwas kleiner als die White Dunes, durch die Lage am Meer und den gerade eintretenden Sonnenuntergang allerdings ebenso schön. Ich unterhalte mich nett mit einer deutschen und einer finnischen Studentin aus meiner Gruppe, die beide ein Auslandssemester in Hong Kong absolvieren und in Vietnam eine Woche Urlaub machen.

Zurück im Hostel esse ich zu Abend, trinke ein paar Bier an der Bar und gehe gegen kurz vor 21 Uhr ins Bett.

Tag 15 – Ich und meine Matte

Gegen ca. 6:30 Uhr werde ich wach und fühle mich sehr ausgeschlafen – herrlich. Ich ziehe mich um und nutze das gute Wetter um beim Sonnenaufgang eine Runde im Meer zu schwimmen – auch herrlich. Nach einem kleinen Strandspaziergang führt der Weg direkt in die Hängematte, wo ich den Großteil des heutigen Tages verbringen sollte. Ich fange Kafkas „Der Proceß“ an und unterbreche nur für ein schnelles Frühstück und ein ausgiebigeres Mittagessen.

Nachmittags meldet sich Didi per Whatsapp. Er ist jetzt ebenfalls in Mũi Né, allerdings in einem anderen Hostel. Wir treffen uns in der Lobby vom Long Son, gehen am Strand spazieren und später nochmal eine Runde ins Meer. Schwimmen ist wegen dem Wellengang leider nicht mehr drin. Gegen 16 Uhr essen wir im Restaurant zu Abend und verabschieden uns anschließend.

Anschließend lese ich noch ein bisschen in meiner Matte und stelle schweren Herzens eine Verkaufsannonce für mein Motobike bei der vietnamesischen Version von Craigslist ein. Da ich es in Saigon möglichst schnell verkaufen möchte, gehe ich mit dem Preis ein gutes Stück runter: 200 USD non-negotiable. Gegen 19 Uhr lege ich mich ins Bett. Um den geldgeilen Polizisten aus dem Weg zu gehen, will ich morgen so früh wie möglich aufbrechen.

Tag 16 – V.C.A.B.

Um 4:30 Uhr klingelt der Wecker. Ich fühle mich natürlich nicht ausgeschlafen und packe mit verklebten Augen meine sieben Sachen zusammen. Die Probleme beginnen mit dem Checkout. Zwar ist die Rezeption 24 Stunden geöffnet, in dieser Frühe ist allerdings nur der Barkeeper vor Ort, der kaum Englisch spricht. Ich möchte mit meiner Kreditkarte zahlen, die angeblich bei drei Versuchen nicht akzeptiert wird. Quittungen oder Fehlerbelege gibt es nicht, da die Papierrolle im Gerät leer ist. Der Barkeeper ist mit seinem Latein am Ende und ich will sichergehen, dass ich grade nicht den dreifachen Preis gezahlt habe, also lasse ich den Chef wecken. Der bringt recht bedröppelt, aber in verständlichem Englisch, Licht ins Dunkel: Der Kartenleser ist kaputt. Also zahle ich mit meinen letzten USD und mache mich um kurz vor 6 Uhr, deutlich später als geplant, auf Richtung Saigon.

Die ersten vier Stunden fahre ich im Regen, also mit Poncho und Müllbeuteln über den Socken – wie in alten Zeiten. Trotz der bekannten Unannehmlichkeiten zeigt sich der Highway 1 durchaus bezwingbar, deutlich angenehmer als zwischen Huế und Hội An. Allerdings ist die Landschaft, nachdem ich Mũi Né hinter mir gelassen habe, an Tristesse kaum zu überbieten. Das Wetter macht es natürlich nicht besser. Ich nutze eine kurze Trockenphase um die GoPro nochmal provisorisch am Lenker zu montieren, aber leider ist der Akku leer. Scheinbar habe ich sie nach der letzten Nutzung in Buôn Ma Thuột nicht richtig ausgemacht.

Bei der Weiterfahrt fallen mir viele Motorradpolizisten auf. Mal stehen sie in Dreier- oder Vierergruppen an Ausfahrten, mal sehe ich einzelne Cops Lastwagen oder Motobikes auf dem Seitenstreifen kontrollieren. Ich ziehe mir mein Halstuch tiefer ins Gesicht, um die helle Hautfarbe bestmöglich zu kaschieren, habe aber trotzdem ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache.

Wenige Minuten später kommt das, was kommen muss: Ein junger Motorradpolizist schwenkt seine Kelle nach mir und bedeutet mir rechts ranzufahren. Ich halte an, ziehe den Schlüssel ab und stecke ihn mir schnell in die Tasche. Er fordert in erschreckend gutem Englisch die Registration Card für mein Motorrad, die ich ihm bereitwillig vor die Nase halte. Er reißt sie mir sofort aus den Händen. Tipp: Genau das sollte nicht passieren – die Registration Card stellt gewissermaßen den Fahrzeugbrief dar und wird für den späteren Wiederverkauf zwingend benötigt. Sobald der Cop die Karte in den Fingern hat, hat er dich bei den Eiern. Wie man es allerdings schaffen soll, diese bei sich zu behalten, kann ich dir nicht beantworten. Er will auch den Schlüssel abziehen, wird aber nicht fündig. Immerhin etwas.

Anschließend will er meinen Führerschein sehen. Ich reiche ihm meinen fast abgelaufenen, internationalen Führerschein – versuchen kann man es ja mal. Er blättert halbherzig darin herum, schüttelt den Kopf und will den Vietnamesischen sehen. Nachdem ich ihm beichte, dass ich keinen vietnamesischen Führerschein habe, fordert er eine Strafzahlung von 4.000.000 VND (ca. 150€) in bar – ansonsten lässt er mein Motobike abschleppen und wegschließen. Natürlich habe ich diesen wahnwitzigen Betrag nicht in bar dabei. Zehn Minuten voller Flehen, Schauspielen und Herzklopfen später winkt er mich zu sich rüber und erklärt sich mit dem Inhalt meines Portemonnaies zufrieden: Etwas über 500.000 VND (ca. 20€), die straight in seine Hosentasche wandern. Tipp: Gewöhne es dir am besten an, immer nur 300.000 VND im Portemonnaie zu haben und verstaue den Rest, wenn du mehr mit dir führen solltest, in der Bauchtasche, den Socken oder wo auch immer. In verschiedenen Foren wird der Mindestbetrag, den die korrupten Polizisten akzeptieren, mit 200.000 VND beziffert – mit 300.000 VND gehst du also auf Nummer sicher. Genau so habe ich es in der Region um Mũi Né gehandhabt und hätte es besser auch mal so beibehalten. Trotz der unschönen Erfahrung ärgere ich mich nur kurz – um es mit den Worten von Pablo Escobar zu sagen: „Ich pisse 20€“.

Ich fahre also weiter und nehme die Abfahrt an der ich rausgewunken wurde. Am Ende dieser passiere ich die nächste Gruppe Motorradpolizisten, die aber glücklicherweise nicht reagieren. Ich gönne mir am Straßenrand erstmal einen eiskalten Osaft und stelle die Route auf meinem Navi um: Statt relativ dicht an Saigon vorbeizufahren, entscheide ich mich einen weiten Bogen darum zu machen und so oft es geht auf einfache Überlandstraßen auszuweichen.

Gegen kurz vor 15 Uhr erreiche ich schließlich die Cu Chi Tunnel in Benh Duoc. Ich parke direkt am Eingang, sichere Backpack und Helm so gut es geht mit Schlössern und Spannseilen und mache mich auf zu den Tunnelanlagen. Das Ticket für die Anlage und der Parkplatz kosten mich insgesamt 94.000 VND.

Am Eingang zu den Tunneln wird ein ca. 20-minütiger, englisch synchronisierter Dokumentarfilm gezeigt. Im Anschluss erklärt ein ortskundiger Führer mir und vier weiteren Touristen den Aufbau der Tunnelsysteme und dessen erstaunliche Infrastruktur. Aufgrund meiner Figur bin ich der Einzige aus der Gruppe der durch die „originalen“ Tunnel kriechen darf. Erst eine Strecke von 5 Metern, danach ca. 10 Meter und im Anschluss ca. 35 Meter inklusive Abzweigungen. Vor dem letzten Gang werde ich eindringlich davor gewarnt, anders abzubiegen als vorgegeben. Die „Touristentunnel“ sind Teil des über 250 Kilometer langen unterirdischen Systems und noch immer damit verbunden. Man sollte sich also tunlichst nicht darin verlaufen. In Deutschland undenkbar, in Vietnam gängige Praxis.

Zum Abschluss der Tour gibt es einen Vietcong-Wurzelsnack mit Erdnüsschen und Kräutersalz zum Dippen, der zu Zeiten des Krieges das Hauptnahrungsmittel der Tunnelbewohner darstellte – da ich heute noch nichts gegessen habe ein willkommener Schmaus. Danach schlendere ich noch ein wenig über das Gelände und schaue mir zeitgenössische Exponate von Schuhen, Waffen und Bodenfallen an. Schließlich kaufe ich mir an der Kasse noch eine Rolle Oreos, die ich auf dem Weg zum Motobike esse und verlasse das Gelände gegen 17 Uhr.

Auf dem Weg nach Cu Chi komme ich an einem kleinen Ein-Sterne-Hotel namens Hùng Anh vorbei und checke spontan für 200.000 VND ein. Direkt daneben befindet sich eine Werkstatt, wo ich für 100.000 VND einen letzten Ölwechsel machen lasse. Das Bike hat jetzt gute 2.500 Kilometer zurückgelegt. Anschließend schaue ich noch etwas fern und gehe früh schlafen, um für die morgige Einfahrt nach Saigon fit zu sein.

Tag 17 – Lebe wohl, alter Freund

Ich stehe um 4:45 Uhr auf, packe meine Sachen und verabschiede mich von dem Hotelbesitzer. Er begleitet mich noch mit vor das Hotel, wo ich die GoPro am Motobike anbringe. Um ein größeres Sichtfeld einzufangen, fixiere ich sie diesmal mit Kabelbindern und Panzertape am Blinker statt am Tacho – definitiv die bessere Lösung, wie das Video später beweist. Dann kippe ich ein kaltes Red Bull (in Vietnam übrigens ohne Kohlensäure) runter und mache mich gegen 5:30 Uhr auf in die größte Metropolregion Vietnams. Ungefähr 50 Kilometer trennen mich noch vom Ziel meiner Reise.

Anfangs gestaltet sich die Fahrt sehr angenehm. Außer einer Mücke, die es unter den Helm und in mein Ohr schafft, gibt es keinerlei erwähnenswerte Zwischenfälle. Mit zunehmender Helligkeit nimmt allerdings auch der Verkehr drastisch zu, und schon bald bin ich Teil einer träge fließenden Blechlawine aus tausenden knatternden Motobikes. Die GoPro filmt exakt eine Stunde, zehn Minuten und 40 Sekunden meiner Fahrt, kurz vor dem Zentrum ist der Speicher voll.

Sehenswerte Ausschnitte: Bei 5:30 Min. bekomme ich die Mücke ins Ohr, bei 10:40 Min. fahre ich auf den Highway 1 auf, bei 53:35 Min. gerate ich versehentlich auf eine Abbiegespur und habe Schwierigkeiten, diese wieder zu verlassen, und bei 1:00:35 Std. steckt sich ein Kerl vor mir an der Ampel mitten im dichtesten Verkehr eine Kippe an.

Nachdem ich unbeschadet im Stadtkern ankomme, treffe ich wenige hundert Meter von meinem Hostel entfernt auf den größten Kreisel, den ich bisher gesehen habe. Da ich ihn als eine Art „letzte Herausforderung“ in Vietnam ansehe, zwinge ich mich dazu ihn zu durchfahren, statt das Bike über Bürgersteige an eine normale Kreuzung zu schieben, und bin glücklicherweise erfolgreich: Gegen 8 Uhr erreiche ich das Saigon Charming Hostel und checke für drei Nächte ein.

Per Whatsapp verabrede ich mich für 15 Uhr mit Bradley, einem potenziellen Käufer für mein Bike, und mache anschließend einen ausladenden Spaziergang durch District 1 und angrenzende Gebiete. Eine Filiale der australischen ANZ-Bank, das Hard Rock Café und der Bitexco Financial Tower bleiben mir besonders in Erinnerung. Ich treffe mich schon um 13 Uhr mit Bradley – und nach einer kurzen Begutachtung sowie einer Probefahrt um den Block heißt es Abschied nehmen. Bis auf den kleinen Zwischenfall mit der Kette hat mich mein Honda-Fake auf über 2.600 Kilometern nie im Stich gelassen, daher ist etwas Wehmut durchaus berechtigt. Dass Brad mir meinen Helm für 500.000 VND zusätzlich abkauft bessert meine Laune jedoch schnell wieder. Knieschoner, Vaseline und den zerfledderten Regenponcho überlasse ich ihm kostenlos. Nach einem abschließenden Smalltalk sowie einigen Tipps und Hinweisen zum Motorradfahren in Vietnam verabschieden wir uns und die Win knattert mit ihrem neuen Besitzer davon.

Zu Fuß mache ich mich auf in die Phạm Ngũ Lão Street, die eine abgeschwächte Version der Khao San Road in Bangkok und die Backpacker-Area in Saigon darstellt. Dort treffe ich mich mit Didi, der nachmittags in der Stadt angekommen ist. In einer Garküche essen wir auf den typischen, kleinen Plastikhockern zu Mittag und machen uns anschließend gemeinsam auf zum Bitexco Financial Tower, wo wir für 200.000 VND ein Ticket lösen und auf die mäßig spektakuläre Aussichtsplattform auf der 50. Etage herauffahren. Auf Nachfragen bekommen wir heraus, dass man die deutlich spektakulärere Außenplattform nur für 2.000 USD pro Stunde mieten (und betreten) kann. Da wir die Exklusivität der Attraktion bei diesem Dumpingpreis allerdings ernsthaft in Frage stellen, entschließen wir uns zu verzichten.

Es folgen die obligatorischen Besuche weiterer Sightseeing-Ziele: Die kitschig-schöne Notre Dame Cathedral, der unglaublich enge Bến Thành Market und schließlich das War Remnants Museum, um nur die wichtigsten zu nennen. Letzteres verlasse ich mit einem sehr flauen Gefühl im Magen. Die vielen Fotografien sind nichts für zart Besaitete und veranschaulichen das ganze Ausmaß des Vietnamkrieges: Spätfolgen, Massaker, Kriegsverbrechen und vor allem die unglaubliche Überlegenheit der USA. Ich bewundere die Vietnamesen dafür, dass sie überhaupt einen Weg gefunden haben, mit dieser Last und Ungerechtigkeit umzugehen. Und wenn die, anfangs von mir belächelte, einseitige Art der Berichterstattung ein Teil davon ist, will ich der Letzte sein, der deren Gebrauch verurteilt.

Abends gibt es zum krönenden Abschluss des letzten Treffens mit Didi nochmal amerikanische Küche – ein Large Royal Burger Menu bei McDonalds mit 10.000 VND Rabatt, da der Filiale die Tomaten ausgegangen sind. Im Anschluss verabschiede ich mich, gehe im Hostel zum zweiten Mal duschen und besorge mir in einem Kiosk um die Ecke noch eine Rolle Oreos, Kaugummi, Deo, Wasser und ein Bier. Nach dem Bier beziehe ich Quartier in meinem Dorm-Room und schlafe dank Oropax und Schlafmaske schnell ein.

Tag 18 – Apocalypse Now

Um 7 Uhr werde ich wach und gehe frühstücken. In der Lobby unterhalte ich mich mit einer älteren Dame, die in einer Vorstadt von London lebt und sich gerade auf einer sechswöchigen Rundreise durch Südostasien befindet. Sie hat gestern an einer Tagestour ins Mekong-Delta teilgenommen, die ich für heute gebucht habe, und kann sie mir uneingeschränkt empfehlen. Was älteren, britischen Damen gefällt, ist auch genau mein Ding – da bin ich mir sicher.

Gegen 8 Uhr werde ich von einem mittelgroßen Bus abgeholt und nehme neben einem Mittdreißiger mit komischer Frisur und Zipp-Off Hose platz, der mich sehr an Eugene aus Walking Dead erinnert. Während der Fahrt veranlassen mich das schrill quietschende Mikro und die kaum vorhandenen Englisch-Kenntnisse des Tour-Guides dazu die Kopfhörer einzustöpseln, mir meine Vietnam-Playlist anzuhören und aus dem Fenster zu sehen. Nach einer 25-minütigen Pause an einem überteuerten Shop für Touristen geht es weiter zu einer buddhistischen Tempelanlage mit eindrucksvollen Statuen und einem Hang zu Dekorationen mit Neonlicht.

Weiter geht es mit einem Motorkahn über den Mekong River zur Unicorn Island inmitten des Flusses. Dort werden Bienchen und der dazugehörige Honig präsentiert, den man natürlich auch kaufen kann. Während ich mir schnell, bevor sich die Bienen darüber hermachen können, meinen Nektar in den Mund löffle, komme ich mit einer Gruppe Malaysier ins Gespräch und setze mich nach einer freundlichen Aufforderung mit an ihren Tisch. Es handelt sich um drei junge Männer in schwarzen Saigon-Tanktops, schätzungsweise etwas jünger als ich, und zwei ältere Frauen mit Kopftuch, eine ca. 35, die andere ca. 50. Später erfahre ich, dass es sich um Mutter und Tante eines Malaysiers handelt.

Nach einer kurzen Wanderung folgt eine holprige Fahrt mit einem Pferdekarren und der Besuch einer Coconut Candy Manufaktur direkt am Wasser. Dort wird uns gezeigt, wie man eine heiße, braune Masse erst auskühlen lässt, dann in kleine Quader schneidet und anschließend mit unglaublich flinken Bewegungen einzeln verpackt. Natürlich darf man auch probieren und kann sich, bei Gefallen, zu überteuerten Preisen eine Jahresration der klebrigen Bonbons kaufen.

Eine zweite Fahrt mit dem Motorkahn bringt uns auf eine andere Insel, wo ich – aus Solidarität zu den muslimischen Malaysiern – ein vegetarisches Mittagessen bestelle. Als die Teller auf dem Tisch stehen werden mir zahlreiche malaysische Gewürze und Saucen aus der Handtasche der Mutter angeboten. Ich schaue mir die Dosierungen bei meinem Tischnachbar Shuqrie ab und esse schließlich eine fischig-scharfe Mischung aus Tofu, Reis und Gemüse. Bei der anschließenden Busfahrt zurück nach Saigon unterhalten wir uns angeregt über Donald Trump, unsere Jobs, die Preise von einem VW Passat in Malaysia und Deutschland sowie ein traditionelles Modelabel, das die Drei gerade aufziehen.

Nachmittags gegen 17 Uhr werden Airedhy, Zulfadli, Shuqrie und ich sowie der Rest der Gruppe am Bến Thành Market abgesetzt. Da wir uns gut verstehen, beschließen wir abends gemeinsam etwas zu unternehmen und verabreden uns für 19 Uhr am Hard Rock Café. Dort trinken wir einen sehr teuren Kaffee und schauen uns ab 21 Uhr eine wirklich gute Live-Band im Untergeschoss an, die verschiedene Songs von ABBA, AC/DC und Iron Maiden zum Besten gibt.

Gegen 23 Uhr kommen die drei Malaysier, die übrigens keinen Alkohol trinken und Tattoos super finden, obwohl sie ihnen ihre Religion verbietet, in Feierlaune. Also rufen wir ein Taxi und fahren einige hundert Meter bis zum Apocalypse Now – einem Club, den uns der Platzanweiser im Hard Rock Café empfohlen hat. Dort läuft zwar solide Elektro-Mukke, aber es ist wenig los, sehr teuer und Stimmung will nicht wirklich aufkommen. Ok, es ist Dienstag. Jedenfalls machen wir uns gegen kurz vor Mitternacht wieder auf, laufen noch ein bisschen durch die nächtlichen Straßen Saigons, unterhalten uns und verabschieden uns schließlich am Bến Thành Market, wo ich von den Jungs noch ein schwarzes Saigon-Tanktop überreicht bekomme. Ich gehöre jetzt zum Team.

Weil ich einen im Tee habe verlaufe ich mich auf dem Heimweg und komme gegen 2 Uhr sehr müde im Hostel an.

Tag 19 – Das Geld muss weg

Ich stehe gegen kurz vor 9 Uhr auf, gehe frühstücken und drucke mir mein Flugticket für morgen aus. Versehentlich viermal – sorry Hostelmama. Dann ziehe ich los und kaufe mir neue Schuhe, ein neues Shirt sowie diverse Mitbringsel. Im Anschluss schlendere ich Richtung Galaxy Kino und löse für 60.000 VND ein Ticket für die 15:45 Uhr Vorstellung von Passengers.

Nach einer leckeren Portion Pho werde ich mittags in einem Stadtpark von zwei vietnamesischen Studenten angesprochen, die den Kontakt zu Ausländern suchen um ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Ich erzähle wer ich bin, was ich mache, was ich in Vietnam mache und was mir an Vietnam besonders gut gefällt. Im Gesprächsverlauf gesellen sich zwei jüngere Schüler zu uns, die ebenfalls an Aussprache, Wortschatz und Grammatik feilen wollen. Ich verbringe über eine Stunde in dem Park und muss mich nach vielen interessanten Themen schließlich loseisen, um es noch rechtzeitig ins Kino zu schaffen.

Als ich das Kino verlasse, wird es schon dunkel. Ich spaziere erst nochmal zum Bitexco Financial Tower, dann Richtung Phạm Ngũ Lão Street und esse gegenüber von einer Bar mit dem klangvollen Namen BaBa-Bar zu Abend. Auf dem Weg ins Hostel sitzt das Portemmonaie locker und ich entschließe mich spontan für eine Trauben-Minz Shisha im Allez Boo, die mit 200.000 VND nicht gerade günstig ist, aber immerhin gut schmeckt. Im Hostel gehe ich noch kurz duschen und dann gegen 23 Uhr ins Bett.

Tag 20 – Zurück zum Anfang

Um 6:45 Uhr klingelt der Wecker und ich packe meine Sachen zusammen. Ich checke aus und latsche voll bepackt einige hundert Meter bis zu einem großen Busbahnhof, wo ich nach wenigen Minuten Wartezeit in den Bus #109 einsteige und für 20.000 VND einen Fahrschein zum Flughafen löse. Der Check In verläuft schneller als erwartet, daher verbringe ich meine letzen Minuten in Saigon mit Kafka, einem großen Cappuchino und einer Dose Pringles im Wartebereich des Domestic Terminals.

Mit einer Stunde Verspätung hebt der Flieger ab und transportiert mich von dem 35 Grad heißen Saigon zurück in die zehn Grad kühlere Hauptstadt. Ich nehme wie schon vor drei Wochen den Bus #86 ins Zentrum. Ist irgendwie seltsam, wieder hier zu sein. In Hanoi angekommen finde ich den Weg ins Golden Charm Hostel fast ohne Navi, checke ein und unterhalte mich noch kurz mit der Frau am Empfangstresen – sie konnte sich an die Geschichte mit dem zurückgebliebenen Reisepass erinnern.

Auf ein Mittagessen im Oldquarter folgt ein langer Spaziergang Richtung Süden, wo sich in wenigen Kilometern Entfernung eine Mall mit Kino befindet. Im sechsten Stock des Vincom Centers finde ich das CGV Cinema und kaufe mir für 89.000 VND ein Ticket für die Abendvorstellung von La La Land. Nach dem Film spaziere ich gut gelaunt durch das nächtliche Hanoi, mache noch einen kleinen Schlenker um den Hoàn Kiếm See, und lege mich nach meiner Ankunft im Hostel gegen 23 Uhr ins Bett.

Tag 21 – Greatest Hits

Nachts werde ich mehrmals wegen Lärm wach und stehe schließlich nicht sonderlich erholt um 8 Uhr auf. Ich frühstücke ein Omelette mit Kaffee und Orangensaft und treffe dabei meine spanischen Mitbewohner. Sie hatten beim Packen etwas vergessen und entschuldigen sich für den Krach – sehr nett. Anschließend mache ich mich auf zu einem weiteren Spaziergang, diesmal in den Norden der Stadt. Der Grund dafür ist das Tattoostudio Ninja Ink, wo ich mir schon vor einigen Monaten einen Termin bei der Künstlerin Ari reserviert habe. Tipp: Falls du dich in Vietnam tätowieren lassen willst – recherchiere genau und entscheide dich nur für ein renommiertes Studio! In einem Land mit so niedrigen Hygienestandards kannst du dir bei Stümpern Sonstwas einfangen.

Ich betrete das Studio um 12:30 Uhr und verlasse es fünf Stunden später mit zwei neuen Tattoos am Körper. Zwischendurch unterhalte ich mich immer wieder mit der Tätowiererin, die eigentlich aus Barcelona stammt, nach Umwegen über Japan und Südkorea jetzt aber in Vietnam ihre Wahlheimat gefunden hat. Ein Stromausfall während der Sitzung sorgt für den extra Adrenalinkick – glücklicherweise war die Nadel zu dem Zeitpunkt gerade nicht unter der Haut. Eine längere Pause nutze ich um mal zum Nachbarhaus rüberzugehen, wo ein dicker Vietnamese laut Ari einen ausgezeichenten Kaffee kocht. Als ich die kleine Stube betrete, freut sich der Besitzer sichtlich. Ich bekomme einen wirklich guten Kaffee und sogar noch eine Sonderbehandlung – extra für mich schaltet er die vietnamesische Musik aus und schiebt „Adele – Greatest Hits“ in den CD-Player.

Abends verlaufe ich mich nochmal in der Oldtown, esse vietnamesisches Essen (frittierte Krabbenröllchen, Schweinebauch in Fischsauce, kalte Reisnudeln und Brennesselsalat), besorge mir Desinfektionsgel und buche an der Rezeption für 39 USD eine Tagestour nach Ninh Bình. Um 21 Uhr gehe ich schlafen.

Tag 22 – Auf Skull Island

Der Wecker klingelt um 6:45 Uhr. Ich wasche meine neuen Tattoos, gehe frühstücken und werde gegen 8 Uhr zu einer Tagestour in die so genannte trockene Halong Bucht abgeholt. Die beiden Studentinnen aus Hong Kong, die ich in Mũi Né kennengelernt habe, hatten mir damals von der Region vorgeschwärmt und sagten, sie würden den Besuch jederzeit einem Besuch der „echten“ Halong Bucht vorziehen. Da ich nur noch Zeit für eine Tagestour habe, fiel meine Wahl daher auf Ninh Bình und Tam Cốc.

Der erste Stopp führt mich und den Rest der Gruppe zu den Überbleibseln von Hoa Lư, der Hauptstadt Vietnams im zehnten und elften Jahrhundert. Dort bekommen wir eine interessante Lektion in Sachen altvietnamesische Geschichte sowie einige Fun-Facts zu Planung und Bau der Stadt. Nach der Besichtigung zweier mäßig interessanter Tempel – ich habe das Gefühl ich stumpfe ab – geht es weiter.

Als der Bus zum zweiten Mal anhält, sehe ich abseits des Parkplatzes einen langsam fließenden Fluss, der direkt an den Dschungel grenzt. Am Ufer besteige ich, zusammen mit einer Inderin aus Kenia eine kleine Holzgondel und werde anschließend ca. 90 Minuten durch die trockene Halong Bucht gerudert. Die Landschaft ist atemberaubend – der Dschungel wechselt sich immer wieder mit Sandsteinfelsen ab und hoch über dem Fluss formen sich die Berge zu markanten, runden Gipfeln.

Die Vietnamesin am Ruder ist herzlich und lacht viel. Manches verstehe ich nicht so recht, da ihr Englisch sehr schlecht ist. Aber sie gibt mir zu verstehen, dass genau hier „Kong: Skull Island“ gedreht wurde. Außerdem sagt sie mir, wie schön meine Frau wäre und wundert sich über den Altersunterschied zwischen uns. Als ich aussteige, gebe ich ihr 50.000 VND Trinkgeld und verbringe die restliche Stunde zur freien Verfügung damit, auf einem Fahrrad mit kaputtem Sattel durch die Landschaft zu eiern. Bei der Rückfahrt nach Hanoi erlebe ich ein weiteres Highlight: Auf einem Motobike neben dem Bus entdecke ich einen älteren Vietnamesen, der eine leuchtend orange Jacke trägt, auf die in modischen schwarzen Lettern das Wort „fucking“ aufgestickt ist.

Gegen 18:30 Uhr komme ich schließlich in der Hauptstadt an und spaziere zum zweiten Mal innerhalb von drei Wochen über den Hanoi Nightmarket. Ich gönne mir zwei Bier und etwas zu Essen bevor ich zurück ins Hostel gehe um mit meinen Eltern und meiner Freundin zu skypen – es ist schließlich Heiligabend.

Tag 23 – Abschied

Nachts lausche ich trotz Oropax dem Schnarchkonzert einer dicken Spanierin im Bett über mir. Als ich gegen kurz nach 8 Uhr aufstehe fühle ich mich hin und her gerissen – etwas wehmütig, da mein letzter Tag in Vietnam anbricht, aber auch voller Vorfreude auf die Heimat. Ich frühstücke ausgiebig und mache mich anschließend auf ins Highlands Café, das im vierten Stock eines Eckhauses an einer belebten Kreuzung liegt. Ich setze mich auf die Dachterrasse und genieße bei einem großen Cappuchino den Ausblick über Oldtown und Hoàn Kiếm See.

Anschließend checke ich aus und mache mich auf zu einer Bushaltestelle am südlichen Ende des Sees. Dort will ich eigentlich auf den Bus um 11:30 Uhr warten, aber ein Taxifahrer hat noch Platz im Auto und bietet mir an, mich für drei US-Dollar zum Flughafen mitzunehmen. Ich frage ein paarmal nach um sicherzugehen, dass er mich nicht übers Ohr hauen will, packe aber schließlich meinen Backpack in den Kofferraum und steige ein. Auf der Rückbank lerne ich einen älteren Herren aus Taipeh kennen, der in Hanoi Freunde besucht hat und nun zu einem Geschäftstermin nach Saigon fliegt. Wir unterhalten uns über unsere Heimatländer und er überreicht mir seine Visitenkarte. Falls ich mal nach Taiwan komme soll ich mich bei ihm melden – er besitzt ein kleines Hotel am Rande der Stadt. Am Flughafen angekommen machen wir noch ein paar gemeinsame Fotos und verabschieden uns voneinander.

Im Airport-Shuttle zum International Terminal lerne ich Derek aus Texas kennen, der im Rahmen seines Studiums einen Monat in einer vietnamesischen Forschungseinrichtung für Meeresbiologie verbracht hat. Er gibt mir einige Tipps für Reisen in die Staaten und wir unterhalten uns länger über American Football – er ist großer Washigton Redskins Fan. Beim Abschied beschließen wir, über Facebook in Kontakt zu bleiben und uns über unsere weiteren Reisepläne auszutauschen. So sehr wie ich an den USA interessiert bin, ist er es an Europa.

Gegen 13:00 Uhr komme ich an meinem Terminal an und muss noch acht Stunden bis zum Abflug totschlagen. Ich lese, laufe den Flughafen mehrmals ab, lese weiter und beichte einigen enttäuschten vietnamesischen Kindern, dass ich zwar Deutscher bin, aber keine Bundesliga gucke und keinen Lieblings-Fussballverein habe. Gegen 20:45 Uhr startet das Boarding und ich nehme Abschied von Vietnam.

Tag 24 – Heimat

Nach einigen Filmen und einer Portion Schlaf lande ich um 3:00 Uhr türkischer Zeit in Istanbul und verbringe gezwungenermaßen dreieinhalb Stunden in der International Transit Area, bevor es Richtung Heimat geht. Nach 23 Tagen komme ich schließlich am Morgen des zweiten Weihnachtstages in Frankfurt an.

Danke, dass du bis hierhin gelesen hast – ich hoffe es hat dir gefallen.

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