Roadtrip Island – Tagebuch

Im Folgenden findest du eine detaillierte Schilderung unserer Erlebnisse in Island. Viel Spaß beim Lesen! Falls du etwas Bestimmtes suchst, kannst du die einzelnen Kapitel auch über die Schnellauswahl ansteuern:

Tag 1 – Unbequeme Nacht unter Polarlichtern
Tag 2 – Trolle, Wasserfälle und faule Eier
Tag 3 – Trolle, Wasserfälle und faule Eier II
Tag 4 – Clio auf Abwegen
Tag 5 – Schwarz-Weiß-Filter
Tag 6 – Vulkanische Aktivität
Tag 7 – Morgens Glasschaden, abends Thermalbaden
Tag 8 – Hipster und Pimmel
Tag 9 – Wo ist das verdammte Geld, Lebowski?

Tag 1 – Unbequeme Nacht unter Polarlichtern

Hinflug mit WOW Air von Frankfurt nach Kevlavik. Gegen 14:30 Uhr kommen wir in Island an und steigen in ein kostenloses Airport-Shuttle, das uns zu Green Motion Car Rental bringt, wo wir unseren Mietwagen in Empfang nehmen wollen. Nach ca. 10 Minuten erreichen wir das etwas abseits liegende Gelände, erledigen den Papierkram und laden unser Gepäck schließlich in einen weißen Renault Clio Station. Der Wagen scheint noch recht neu zu sein, trotzdem hat er bereits einige Steinschläge, Kratzer und Dellen. Ein großer Aufkleber am Armaturenbrett ermahnt uns, dass das Fahren auf den unasphaltierten F-Roads mit diesem Fahrzeug streng verboten ist. Tipp: Island verlangt einem Auto eine ganze Menge ab – untersuche deinen Mietwagen daher möglichst genau, um später keine bösen Überraschungen zu erleben. Uns ist z.B. zu spät aufgefallen, dass ein Licht nicht funktionierte und die Kofferraumklappe nur mit Mühe zuging.

Wir heben ein paar isländische Kronen am ATM ab und steuern danach den nächsten Bonús an, um uns mit einem Basisvorrat für unseren Roadtrip einzudecken. Island ist generell nicht billig, daher treiben uns auch einige Preise in dem vermeintlichen Discounter Tränen in die Augen. So werden für 200g Salami beispielsweise 900 ISK aufgerufen, etwa 7,20 Euro. Wir entscheiden uns für Wasser, Toastbrot, Nutella, Müsliriegel, Orangensaft und ein paar Dosen Bier und zahlen rund 4.000 ISK. Anschließend fahren wir, wegen dem im Clio permanent aufleuchtenden Reifendruck-Symbol, nochmal kurz zurück zu Green Motion. Doch alles ist in bester Ordnung, die Reifen haben genug Luft und es handelt sich um eine Fehlermeldung, die in der Montage von nicht serienmäßigen Winterreifen mit Metallspikes begründet ist.

Nach einer kurzen Fahrt kommen wir in Reykjavik an und parken erstaunlich günstig und zentral in einem Parkhaus auf der Hverfisgata. Ein paar hundert Meter weiter mieten wir uns im Gangleri Outfitters zwei stabile, selbstaufblasende Matrazen für die nächsten sieben Tage und gehen im Anschluss in dem indischen Hipster-Takeaway Thali zu Abend essen. Der Preis von 2.900 ISK für zwei lächerlich kleine Portionen Tiefkühl-Gemüse und Tiefkühl-Teigtaschen mit Reis ist leider nicht wirklich gerechtfertigt. Naja, wenigstens gibts Wasser umsonst.

Mit knurrenden Mägen treten wir die Fahrt an, und werden kurz hinter Reykjavik mit einem tollen Sonnenuntergang an der Küste belohnt. Das Autofahren gestaltet sich sehr angenehm. Während ich das Verkehrsaufkommen im Zentrum mit dem einer deutschen Kleinstadt vergleichen würde, wird es schon wenige Kilometer außerhalb sehr überschaubar. Wir halten an, essen ein paar Nutellatoasts, genießen den Ausblick und nutzen die Pause um den Clio schonmal zum mobilen Schlafzimmer umzubauen. Dabei fällt auf, dass die umgeklappte Rückbank und der Kofferraumboden des Clios keine gemeinsame Ebene ergeben – das verspricht erholsame Nächte. Tipp: Tu dir selbst einen Gefallen und recherchiere genau. Ich habe mich auf die Angaben zum Vorgängermodell verlassen und bin damit auf die Nase gefallen.

Wir fahren noch ein gutes Stück weiter, bis schließlich die Nacht hereinbricht und wir an einem Schotterplatz mit der Beschilderung Kattarhryggur halten. Trotz Wollsocken, dickem Schlafsack und warmer Kleidung verbringen wir hier eine sehr kalte und unbequeme Nacht. Der Wind pfeift und rüttelt permanent an unserer französischen Wahlheimat und draußen herrschen unbequeme null Grad. Als Entschädigung tauchen gegen 23 Uhr genau über uns grünlich-weiße Polarlichter auf. Wir beobachten das beeindruckende Schauspiel gebannt und verlassen schließlich sogar noch einmal unsere Schlafsäcke, um bessere Sicht unter freiem Himmel zu haben. Ungefähr zehn Minuten dauert der Tanz an, dann verschwinden die Lichter so schnell, wie sie aufgetaucht sind.

Tag 2 – Trolle, Wasserfälle und faule Eier

Um 6:40 Uhr klingelt der Wecker. Wir stehen auf, räumen das Auto um und machen erstmal Motor und Heizung an – scheiße ist das kalt hier. Als wir eine gute Stunde später in Staður ankommen, sind die Eiszapfen an unseren Nasen fast geschmolzen. Wir essen Nutellabrote, trinken zwei heiße Kaffee und bleiben ca. eine Stunde in einem Tankstellen-Bistro sitzen um vollends aufzutauen. Satt, wach und zufrieden setzen wir unsere Reise auf der Ringstraße fort und starten mit dem Hörbuch Teufelsgold von Andreas Eschbach.

Nach einiger Zeit biegen wir von der asphaltierten Ringstraße auf die unbefestigte Straße 711 ab. Der holprige Schotterweg führt uns durch eine neblige Hügellandschaft bis wir schließlich 30 Minuten später am Hvítserkur – einem seltsam geformten Basaltfelsen direkt von der Küste – ankommen. Isländischen Sagen zufolge handelt es sich bei dem Felsen um einen versteinerten Troll, der beim Angriff auf ein Kloster von der Sonne überrascht wurde. Weit interessanter als die vermeintliche Entstehungsgeschichte ist die Tatsache, dass der ehemalige Troll inzwischen zur Heimat vieler Robben und Seevögel geworden ist. Wir verbringen noch ein paar Minuten damit, das Treiben durchs Fernglas zu beobachten, bevor wir uns auf den Rückweg machen. Unterwegs versuchen wir vergeblich ein paar Islandponys zu füttern und entdecken ein altes Autowrack mitten in der Einöde, bis wir schließlich wieder auf die komfortablere Ringstraße aufbiegen.

Die weitere Fahrt zum heutigen Etappenziel führt uns durch vielseitige und atemberaubende Landschaften. Felsige Täler wechseln sich mit zugefrorenen Seen und verschneiten Bergpassagen ab, unterwegs begegnen uns einige Herden von Islandponys sowie kleine Siedlungen und verlassene Farmen irgendwo im Nirgendwo. Alle fünf Minuten hat man das Gefühl, sich in einem anderen Land bzw. Film zu befinden. Szenen aus Herr der Ringe, Moon und Braveheart laufen vor meinem inneren Auge ab. So abwechslungsreich wie die Umgebung ist auch das Wetter – von Nebel über Nieselregen bis Schnee ist alles dabei, nur die Sonne zeigt sich leider nicht.

Einen Tankstop in Varmahlíð nutzen wir für ein typisch isländisches Mittagessen: Nutellabrote, Tuc-Kräcker und einen Apfel. Gut gestärkt erreichen wir schließlich den Goðafoss und verbringen einige Zeit damit den herabstürzeden Wassermassen zuzuschauen – hat was Beruhigendes.

Nach einem letzten Stop kurz vor Skútustaðahreppur erreichen wir gegen Abend schließlich das ELDA Guesthouse in Reykjahlíð, wo wir uns für heute Nacht einquartiert haben. Weil das Gasthaus ausgebucht ist, werden wir allerdings ins abseits gelegene Hlíd Hostel ausgelagert. Dort angekommen beziehen wir mitten in einer beeindruckenden rot-schwarzen Felslandschaft die Hälfte eines kleinen Wohncontainers, der aussieht, als bestände er aus Pappe. Abgerundet wird das Ganze von einem allgegenwärtigen Geruch nach faulen Eiern, der nur von dem noch penetranteren Schwefelgeruch des Duschwassers übertroffen wird. Danke für diese seltsame Erfahrung, Island.

Tag 3 – Trolle, Wasserfälle und faule Eier II

Gut ausgeruht stehen wir um 8 Uhr auf und sind dankbar, dass wir die Nacht nicht im Auto verbringen mussten. Das Hlíd Hostel verfügt zwar über eine kleine Küche im Hauptgebäude, aber es wird kein Frühstück zum Kauf angeboten – daher gibt es für uns wieder Nutellatoasts und Äpfel. Im Anschluss checken wir aus und brechen zu einer kleinen Rundfahrt durch die Region auf, da es rund um Reykjahlíð einiges zu sehen gibt.

Ursprünglich hatten wir eine Wanderung zum Krater des Hverfjall geplant, mussten diese Idee aufgrund anhaltenden Regens allerdings wieder verwerfen. Stattdessen manövriere ich den Clio illegalerweise über eine holprige F-Road durchs Birkiland zur Grjótagjá – einer kleinen Höhle, die einen unterirdischen Heißwassersee beheimatet. Früher konnte man darin sogar schwimmen gehen, mittlerweile sind die Temperaturen jedoch zu hoch und Baden bei Strafe verboten. Achtung krass: Die Finger halten wir trotzdem mal rein.

Da das Wetter besser wird und es nur noch leicht nieselt, entschließen wir uns doch für einen kleinen Spaziergang durch die schwarz-rot-grüne Lavawüste. Nachdem wir eine zeitlang querfeldein marschiert sind und der Parkplatz an der Grjótagjá außer Sichtweite gerät, wird mir die absolute Stille bewusst. Da Island über keine geräuschvolle Fauna verfügt und besonders der Nordosten sehr dünn besiedelt ist, hört man hier bei Windstille wirklich „nichts“. Auch für jemanden der auf dem Land aufgewachsen ist und eine ruhige Umgebung gewohnt ist eine tolle Erfahrung. Wir machen ein paar Fotos von Felsspalten und der mit Flechten überzogenen Kraterlandschaft, bevor es über den seltsam nachgebenden Boden zurück zum Auto geht.

Das nächste Ziel ist ein Labyrinth aus Lavahügeln und -formationen mit dem Namen Dimmuborgir, nach dem sich die gleichnamige Black Metal Band benannt hat. Die schwarzen Steingebilde erinnern an verwitterte Türme oder Burgen und sind über verschiedene Wanderwege erreichbar. Wir entscheiden uns für eine der kürzeren Routen. Tipp: Bei niedrigen Temperaturen sind einige Wege und Passagen sehr rutschig – nimm die Klassifizierungen der Wanderwege (blau – easy; rot – hard) ernst. Laut isländischer Sagen sollen hier übrigens einige Trolle unterwegs sein, wir haben aber keine gesehen.

Zurück in Reykjahlíð beschließen wir, dass es zu Mittag mal keine Nutellatoasts sein sollen und kaufen uns für 1.400 ISK eine Packung veganen Käseersatz und eine Packung Pizzaschinken sowie je einen Hotdog und Kaffee. Das Mývatn Nature Bath lassen wir anschließend aus, da uns der Eintrittspreis mit 3.800 ISK pro Person zu teuer ist und wir einen Abstecher in die Blue Lagoon bei Kevlafik bereits fest eingeplant haben.

Nach nur fünf Minuten Fahrt erreichen wir schließlich Hverir – eine brodelnde, zischende und übelriechende Gegend kurz hinter Reykjahlíð. Die Landschaft ist von heißen Quellen und gelb-grünlichen Schwefellöchern, aus denen große weiße Dampfschwaden aufsteigen, geprägt. Der Gestank ist teilweise kaum auszuhalten und stellt sogar die Dusche aus dem Hlíd Hostel nochmal in den Schatten. Trotzdem kann man sich kaum von diesem Naturschauspiel loseisen und kommt sich wie auf einem anderen Planeten vor. Nach einer guten halben Stunde machen wir uns schließlich wieder auf und steigen mit interessant riechender Kleidung in unseren Clio.

Das nächste Ziel ist der Dettifoss, ein riesiger Wasserfall hoch oben in den Bergen. Der dazugehörige Aussichtspunkt ist nur zu Fuß zu erreichen, so parken wir das Auto und machen uns dick eingepackt auf den Weg. Nach ca. einem Kilometer Fußmarsch durch eine eisige, weiße Winterlandschaft kündigt sich der Dettifoss durch lautes Dröhnen an. Von der kleinen Aussichtsplattform hat man schließlich freie Sicht auf die fallenden Wassermassen.

Bei der Weiterfahrt machen wir noch eine kurze Pause in den verschneiten Bergen des Nordostens, bevor wir am frühen Abend die größte Stadt Ostislands erreichen: Egilsstaðir mit 2.300 Einwohnern. In der pulsierenden Metropole angekommen essen wir erstmal im Subway zu Abend und buchen uns anschließend für eine Nacht im etwas außerhalb gelegenen Vinland Guesthouse ein. Vom Lärm der Großstadt bekommt man hier hoffentlich nichts mit.

Tag 4 – Clio auf Abwegen

Um 8 Uhr stehen wir auf, trinken Kaffee und frühstücken. Da Dauerregen gemeldet ist, lassen wir Egilsstaðir schnell hinter uns und fahren durch bis nach Djúpivogur. Dort fahren wir die Hafenstraße ab und schauen uns aus dem Auto heraus eine recht spezielle Sehenswürdigkeit namens Eggin í Gleðivík (auf Deutsch: Eier in der Gledivik-Bucht) an. Hier hat ein Einwohner und großer Vogelfreund im Jahr 2009 die Eier von 34 in der Umgebung nistenden Vogelarten verewigt – im Maßstab 100:1, aus geschliffenem Naturstein und auf großen Betonfundamenten. Die Isländer haben einen sehr sympathischen Sinn für Humor.

Nach dem spannenden Ausflug in die Ornithologie fahren wir weiter bis nach Höfn. Auf diversen Flyern wird die kleine Küstenstadt als „niedliches Fischerdorf“ beschrieben, uns kommt sie jedoch eher industriell geprägt und recht ungemütlich vor. Daher halten wir nur kurz an einer N1-Tankstelle und gönnen uns das günstigste verfügbare Mahl – ein Cheeseburgermenü mit Kaffee für bittere 3.200 ISK.

Anschließend führt uns die Ringstraße an der südöstlichen Flanke des Vatnajökulsþjóðgarður Nationalparks entlang. Zu unserer Linken sehen wir Küste und Meer, rechts dominieren verschneite Gebirge und weite Ebenen das Blickfeld – eine tolle Aussicht. Ich fahre zweimal von der asphaltierten Straße auf holprige F-Roads ab, muss aber bei beiden nach wenigen hundert Metern anhalten und umdrehen. Mal kreuzt ein zu tiefer Fluss den Weg, mal wird der Schotter zu Geröll und damit unbezwingbar für unseren kleinen Kombi.

Beim dritten Versuch bin ich schließlich erfolgreich und wir holpern eine gute Dreiviertelstunde in den Nationalpark hinein. Unterwegs entwickelt der Clio ungeahnte Offroad-Qualitäten: Er bezwingt einen steilen Abhang, passiert sogar einen kleinen Fluss (eher Rinnsal) und kommt trotz geringer Bodenfreiheit hervorragend mit Schotterpiste, Schlaglöchern und Spurrillen zurecht. Tipp: Ja, das war unvernünftig. Wenn du dich für einen ähnlichen Ausflug entscheiden solltest, ist vor allem gesunder Menschenverstand und Erfahrung im Gelände von Vorteil. Die vernünftigste Alternative ist es natürlich, sich ein geländetaugliches und deutlich teureres Fahrzeug zu mieten.

Nachdem wir eine kleine Brücke passieren und der Weg zunehmend schlechter wird, halte ich an. Mehr will ich dem Clio nicht zumuten. Unsere Unvernunft wird mit dem Ausblick auf ein unglaubliches Panorama belohnt: Vor uns liegen die drei leuchtend weißen Gletscher Heinabergsjökull, Skálafelsjökull und Fláajökull.

Zurück auf der Ringstraße fahren wir weiter bis zu dem See Jökulsárlón, auch bekannt als Glacier Lagoon. Hier tummeln sich haufenweise weiße Eisschollen und leuchtend blaue Gletscherteile im Wasser, die sich langsam aber sicher auf den Weg ins offene Meer machen. Da es inzwischen aufgehört hat zu regnen, spazieren wir lange am Ufer entlang und machen Fotos von dem herrlichen Naturschauspiel.

Gegen kurz vor 20 Uhr fahren wir schließlich ca. sechs Kilometer zurück und parken das Heck unter dem Vordach einer Toilettenhäuschen-Ruine direkt an an der Ringstraße. Da es inzwischen wieder regnet, werden wir so beim Umbauen wenigstens nicht nass und sind sogar etwas windgeschützt. Weil wir nicht dumm sind und aus der ersten Nacht im Auto gelernt haben, packen wir uns noch dicker ein und legen uns schließlich schlafen.

Tag 5 – Schwarz-Weiß-Filter

Die zweite Nacht im Clio fällt deutlich angenehmer aus als die erste. Zum einen ist es draußen mit über null Grad nicht mehr ganz so kalt, zum anderen war die doppelte Menge Kleidung eine gute Idee. Wir räumen das Auto um und fahren schließlich bis Skaftárhreppur, wo wir für eine Kaffeepause halten. Da der Skafta-Grill erst um 9 Uhr öffnet, schauen wir uns noch ein wenig in dem kleinen Ort um, besuchen den Zwillings-Wasserfall Systrafoss und spazieren durch den Kirkjubæjarklaustri Forrest. Da es in Island keine natürlichen Wälder gibt und alle größeren Bäume von Hand gesetzt werden müssen ein äußerst seltener Anblick auf der Insel.

Nach dem Kaffee (Free Refill!) fahren wir weiter bis nach Vík í Mýrdal, welches den südlichsten Ort auf dem isländischen Festland darstellt. Vík ist vor allem berühmt für den surrealen Black Sand Beach, den wir uns natürlich nicht entgehen lassen.

Nach einem weiteren Cheeseburgermenü in Víks N1-Tankstelle treten wir einigermaßen satt und klamm die Weiterfahrt Richtung Reykjavik an. Einige Kilometer später halten wir an einem Parkplatz mitten in der Einöde, wo diversen Hinweisen im Internet zufolge ein altes Flugzeugwrack liegen soll. Der Dauerregen ist mittlerweile in einen Blizzard umgeschlagen, und schon nach wenigen Schritten auf dem Fußweg zum Wrack müssen wir die Köpfe senken, weil der frostige Wind im Gesicht kaum auszuhalten ist. Nach fünf Minuten spreche bzw. schreie ich einen uns entgegenkommenden Wanderer an, wie weit das Wrack entfernt ist. Er antwortet, dass er nach über 20 Minuten noch nicht am Ziel war und schließlich umgekehrt ist. Also kehren wir ebenfalls um und beschließen es morgen nochmal zu versuchen, falls das Wetter besser wird.

Die Weiterfahrt nach Hella unterbrechen wir für einen Halt am Skógafoss, einem weiteren, beeindruckenden Wasserfall, den man sich ganz aus der Nähe ansehen kann. Da es allerdings auch hier noch heftig schneit und saukalt ist, gehen wir nicht allzu nah heran um trocken zu bleiben. Gegen 16 Uhr checken wir schließlich im Hotel Kanslarinn in dem beschaulichen Örtchen Hella ein. Wegen dem miesen Wetter belassen wir es für heute bei Brettspielen, einem einfachen Abendessen und Indiana Jones mit isländischen Untertiteln.

Tag 6 – Vulkanische Aktivität

Um 8 Uhr stehen wir auf und werden im zum Hotel gehörenden Restaurant von einem erstklassigen Frühstücksbuffet empfangen: Vollkornbrötchen, Eier, Schinken, Salami, (echter) Käse, Müsli, Joghurt und Kaffee warten auf die Hotelgäste. Bedenkt man die isländischen Preise, hat unser Frühstück wahrscheinlich den Gegenwert eines Kleinwagens.

Nachdem wir ausgecheckt und uns von den netten Hotelbesitzern verabschiedet haben, steht zur Abwechslung mal wieder der Besuch eines Wasserfalls auf dem Programm. Der Seljalandsfoss unterscheidet sich allerdings von allen bisher besuchten Wasserfällen, da man über einen glitschigen Fußweg zur Rückseite des Wasserfalls gelangen kann. Zwar wird man ein bisschen nass, da man direkt an den fallenden Wassermassen und der aufgewirbelten Gischt vorbeigeführt wird, aber wann bietet sich schon mal so eine Gelegenheit.

Anschließend starten wir den zweiten Versuch, zu dem Flugzeugwrack in Sólheimasandur zu gelangen und parken wieder auf dem bereits bekannten Parkplatz irgendwo im Nirgendwo. Das Wetter ist heute deutlich besser als gestern: Kaum Wolken am Himmel, strahlender Sonnenschein und eine steife Brise. Guter Dinge treten wir den Fußmarsch an und erreichen unser Objekt der Begierde nach ca. 50 Minuten. Mitten im schwarzen Sand liegt ein silbrig glänzendes, stark beschädigtes Flugzeugwrack.

Flügel, Interieur und Heckpartie der Maschine sind nicht mehr vorhanden, aber sie ist noch immer als verhältnismäßig kleines Flugzeug erkennbar. Es handelt sich um eine Douglas DC-3 der US Air Force, die hier am 24. November 1973 vermutlich wegen Treibstoffmangel notlanden musste. Zahlreiche Touristen haben sich bereits im Stahl des Rumpfes und der Flügelstutzen verewigt und ich verbringe einige Zeit damit, mir verschiedene Sprüche und Annekdoten durchzulesen.

Etliche Fotos und einen kurzen Spaziergang am Strand entlang später machen wir uns auf den Rückweg und kommen nach einer Dreiviertelstunde ziemlich durchgefroren am Clio an. Nach einer kurzen Fahrt entscheiden wir uns spontan dazu, nochmals am Skógafoss zu halten. Da heute die Sonne scheint, trauen wir uns deutlich näher an den Wasserfall heran und werden mit dem Anblick eines doppelten Regenbogens belohnt *Herzchenaugensmiley*.

Eine Viertelstunde später fahren wir wieder zurück Richtung Hella. Nach kurzer Zeit passieren wir eine kleine Hütte, die in großen weißen Buchstaben als Eyjafjallajökull Visitor Centre gekennzeichnet wurde. Der Eyjafjallajökull-Gletscher erlangte 2010 weltweite Berühmtheit, da der darunterliegende Vulkan den Flugverkehr über Europa für mehrere Tage zum Erliegen brachte. Außerdem wurde hier eine Szene für „The Secret Life of Walter Mitty“ gedreht – einen Film, den ich sehr mag.

Aus diesen Gründen zahlen wir jeweils 850 ISK Eintritt und schauen uns einen 20-minütigen Film über das Leben am Hang des Gletschers und den bereits erwähnten Ausbruch an. Ich bereue den Besuch nicht, aber man sollte nicht allzuviel erwarten. Das „Visitor Centre“ hat zwar einen informativen Charakter, ist aber sehr klein und bietet außer dem Film nur einen kleinen Souvenirshop und ein paar Infotafeln.

Zurück in Hella beziehen wir unsere heutige Bleibe: Eine spartanisch eingerichtete Holzhütte mit Küchenzeile, eigenem Bad und tollem Ausblick auf einen kleinen Fluss in der Pension Arhus. Nach einem kurzen Einkauf in dem Supermarkt auf der anderen Straßenseite begehe ich wieder zahlreiche Straftaten, indem ich den Clio über verschiedene F-Roads durch die Pampa des Þingvellir Nationalparks navigiere. Unser Ziel ist das Gebiet rund um den Hekla, einen der aktivsten Vulkane Islands.

Etwa 50 Kilometer, viele tolle Aussichten und unzählige Schlaglöcher später, erreichen wir ein Warnschild, das die Weiterfahrt wegen vulkanischer Aktivität verbietet. Also kehren wir um und finden versehentlich eine deutlich schnellere und asphaltiertere Route zurück nach Hella – komisch. In unserer Hütte angekommen kochen wir uns noch ein paar Nudeln und gehen anschließend pennen.

Tag 7 – Morgens Glasschaden, abends Thermalbaden

Gegen kurz vor 10 Uhr checken wir aus und treten die letzte Etappe Richtung Reykjavik an. Heute wollen wir uns einige Attraktionen des Golden Circles anschauen, der eine beliebte Reiseroute im Süden der Insel darstellt. Auf dem Weg zu dem Geysir- und Vulkansystem Haukadalur reißt plötzlich die Frontscheibe gute 30 cm ein – ohne Geräusch oder Vorwarnung. Anfangs machen wir noch Witze über den Schaden, da wir eine Glas- und Unterbodenversicherung abgeschlossen haben. Als ich jedoch im Kleingedruckten nachlese, dass für schon bei Mietantritt beschädigte Fahrzeugteile keine Haftung übernommen wird, finde ich das Ganze nicht mehr so lustig – denn der Clio hat bereits zahlreiche vermerkte Steinschläge.

Immernoch grübelnd erreichen wir schließlich ein großes Geysir-Infocenter und kurz darauf auch den Strokkur, einen Heißwassergeysir, der zuverlässig ca. alle zehn Minuten ausbricht. Wir schauen uns das Spektakel zweimal an und fahren im Anschluss weiter zum Gullfoss. Dabei handelt es sich um einen zweistufigen Wasserfall, der nur wenige Minuten entfernt liegt und ebenfalls zu den vielen Sehenswürdigkeiten des Golden Circles gehört.

Da es wieder anfängt zu schneien, fahren wir zügig weiter und erreichen Reykjavik am frühen Nachmittag. Dort geben wir unsere gemieteten Luftmatrazen ab und fahren anschließend noch eine halbe Stunde bis nach Keflavík, um in dem kleinen aber gemütlichen Guesthouse Keflavík einzuchecken.

Nach einem schnellen Abendessen packen wir unsere Badesachen in den Clio und fahren noch einmal 20 Minuten zur Blue Lagoon – ein bekanntes Thermalfreibad, welches aus einem ca. 3.000 Quadratmeter großen Salzwassersee besteht. Der See ist das „Abfallprodukt“ eines nahe gelegenen Geothermalkraftwerkes und wird mit dem abgekühlten Wasser befüllt, das vorher zur Stromerzeugung aus 2.000 Metern Tiefe heraufgepumpt wurde. In der Blue Lagoon hat es noch angenehme 37 bis 42 Grad – genau richtig für einen kalten isländischen Frühlingsabend. Bis 22 Uhr lassen wir uns in dem milchig-blauen Wasser treiben und fahren anschließend zurück nach Keflavík.

Tag 8 – Hipster und Pimmel

Wir stehen recht früh auf und gehen im Hotel Keflavík, das gleich gegenüber unserem Gästehaus liegt, frühstücken. Tipp: Obwohl es sich bei dem Guesthouse nur um eine günstige Bleibe mit Hostelcharakter handelt, ist im Übernachtungspreis ein hervorragendes Drei-Sterne-Frühstück inbegriffen. Nach diesem gelungenen Start in den Tag räumen wir das Auto auf und reinigen die Fußmatten so gut es geht – darauf hat sich während der Reise einiges an Schlamm und Dreck angesammelt.

Bevor wir den Clio zurückbringen lege ich mir Argumentationsketten für alle möglichen Szenarien zurecht, wenn der Vermieter die gerissene Scheibe anspricht. Schließlich geht es um unsere Kaution von 2.000€. Mit angespannten Nerven betrete ich schließlich den Laden und werde von einer älteren Dame empfangen. Sehr gut, ich wittere geringes Aggressionspotenzial. Freundlich nimmt sie den Schlüssel entgegen und geht hinaus, um sich den Wagen anzuschauen. Sie begutachtet das Äußere, den Unterboden und den Innenraum, bescheinigt den einwandfreien Zustand und wünscht uns eine gute Heimreise. Ich lasse mir noch schnell eine Kopie der Bescheinigung geben, bevor wir uns erleichtert ins Airport-Shuttle setzen – Glück gehabt.

Am Flughafen kaufen wir uns zwei Grey Line Return-Tickets nach Reykjavik und zurück für je 3.900 ISK und fahren nach kurzer Wartezeit mit einem der Coach-Busse ins Zentrum des Hauptstädtchens. Gegen 11 Uhr erreichen wir das Guesthouse Pavi, wo wir uns für unsere letzten beiden Nächte einquartiert haben, und finden statt einer Rezeption nur die verschlossene Tür eines Bürogebäudes vor. Auf einem Zettel an der Tür lesen wir, dass Early Check in und Luggage Storage nicht möglich sind. Außerdem solle man bitte, bitte nicht bei der Anwaltskanzlei nebenan klingeln, die würden nur sauer und könnten uns auch nicht helfen.

Also setzen wir uns mit unserem Krempel in das nächstgelegene Café namens Iceland Roasters und fangen an knappe vier Stunden totzuschlagen. Immerhin wird hier ein ausgezeichneter Cappucchino serviert und es gibt selbstverständlich WLAN, so dass wir nach anderen Zeitvertreiben in der Nähe suchen können. In dem Café werden wir von zwei sehr, seeehr alternativ aussehenden jungen Kaffeemachern bedient und meine Laune steigt mit jedem Blick, den ich auf Topfschnitt, Latzhose, Nickelbrille oder Katzenpullover werfe.

Nach einer halben Stunde voller Kaffeegenuss und unterdrücktem Lachen ziehen wir unseren Koffer schließlich ein paar hundert Meter weiter zum Icelandic Phallological Museum, wo wir uns 40 Minuten lang sehr viele Penisse in verschiedenen Formen und Größen anschauen. Die Besitzer versuchen sich hier an einem Spagat zwischen Kuriositätenschau und ernsthaftem wissenschaftlichen Anspruch – von vulgärem oder pornografischem Material wird sich schon im Eingangsbereich mit einem Hinweisschild distanziert. Die meisten Exponate gehörten mal großen Meeressäugern, aber auch ein Isländer hat es sich nicht nehmen lassen und sein verschrumpeltes, bestes Stück dem Museum vermacht. Hand aufs Herz: Es ist zwar ganz lustig, aber 1.500 ISK und damit über 10€ pro Person ist das Museum nicht wert. Langeweile und die Nähe zu unserem Hostel waren für uns die ausschlaggebenden Faktoren.

Nach einem thailändischen Mittagessen ist es schließlich 15 Uhr und wir können einchecken. Den Rest des Tages verbringen wir mit einem Bummel durch den touristisch geprägten Innenstadtbereich und einem Kinobesuch – in einer amerikanisch anmutenden Mall läuft Ghost in the Shell in 3D.

Tag 9 – Wo ist das verdammte Geld, Lebowski?

Morgens schlafen wir aus und machen uns gegen kurz vor 9 Uhr auf den Weg ins Zentrum. Da wir in den letzten Tagen recht sparsam gelebt haben – so sparsam wie es eben geht in einem für Touristen sehr teuren Land – wollen wir es uns heute mal gut gehen lassen. Wir frühstücken je einen Croissaint und je einen Kaffee im Zentrum und bezahlen dafür umgerechnet 16€.

Nachdem der Großteil unseres Tagesbudgets jetzt verbraucht ist, widmen wir uns einem angenehm günstigen Zeitvertreib: Der Reykjavik Free Walking Tour. Etwa zwei Stunden lang führt uns ein sympathischer Guide namens Eiríkur (Eric, für Touris) durch die Hauptstadt und vermittelt uns dabei einen interessanten Mix aus Geschichte, lustigen Annekdoten und Hintergrundinformationen. Wir erfahren, wie die Besiedelung Islands vor langer Zeit ablief, woher die Vorfahren stammten, wie sie das Land bewohnbar machten und wie die Naturverbundenheit der Isländer auch die heutigen Generationen noch prägt.

Außerdem zeigt Eric uns die Hallgrímskirkja, Islands Baum des Jahres 2016 – da es keine natürlich gewachsenen Bäume auf Island gibt ist die Auswahl entsprechend begrenzt – und den ältesten Teil der Hauptstadt. Am Ende der Tour zahlt jeder soviel er mag und wir verabschieden uns von unserem Guide und einer allein reisenden Neuseeländerin, mit der wir unterwegs ins Gespräch gekommen sind.

Im Anschluss spazieren wir noch einmal zu zweit durch die Stadt und schauen uns die ikonische Sun Voyager Skulptur und das Konzerthaus Harpa an. In letzterem findet gerade ein MMORPG-Fanfest statt, sodass wir wegen all der Nerds nur einen kleinen Teil des Innenraums besichtigen können bzw. dürfen. Um 15:30 Uhr betreten wir das Tattoostudio Reykjavik Ink, in dem wir uns schon am Tag unserer Ankunft zwei Termine geben ließen, und treffen uns mit dem Artist Ben Cheese. Eine gute Dreiviertelstunde später verlasse sowohl ich, als auch meine Freundin, das Studio mit guter Laune und einer frischen Wunde am Körper.

Abends gehen wir auf der Laugavegur in der Barber Bar einen sehr leckeren Fisch essen und suchen danach die Lebowski Bar in der gleichen Straße auf. Sowohl die Fassade als auch die Innenausstattung dieser sind stark an die namensgebende Kult-Komödie aus den 1990ern angelegt: Neon-Reklame, Teppiche, CD-Cover und eine Bowlingbahn an der Wand verbreiten eine entspannte Atmosphäre. Wir trinken zwei Bier (für umgerechnet knapp 20€) und kommen mit einem Pärchen aus Pittsburgh ins Gespräch, die mich auf meine Steelers-Mütze ansprechen. Da wir in wenigen Stunden den Nachtbus zum Flughafen nehmen müssen, bleiben wir allerdings nicht allzu lange.

Nach einer sehr kurzen Nacht treten wir um 3 Uhr schließlich den Heimweg an und kommen nach einer schläfrigen Busfahrt und einem dreieinhalbstündigen Flug müde aber wohlbehalten in Frankfurt an.

Danke, dass du bis hierhin gelesen hast – ich hoffe es hat dir gefallen.

PS: Ehre wem Ehre gebührt. Fast alle Fotos in diesem Bericht wurden von meiner sehr talentierten Freundin geschossen. Schau doch mal auf ihrer Webseite nn-fotografie.com vorbei, wenn sie dir gefallen.

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