Vietnam – Tag 13

Es sind die kleinen Dinge im Leben

Motorradreise durch Vietnam | 2016 | Tag 13
Honda Win vor einem Sonnenuntergang an der vietnamesischen Küste bei Mui Ne

Um 7:30 Uhr klingelt der Wecker. Ich gönne mir ein Chicken-Sandwich mit Kaffee zum Frühstück und fahre im Anschluss über volle Straßen zum Tháp Bà Ponagar, einem alten hinduistischen Tempelkomplex am Stadtrand von Nha Trang, wo ich direkt vor der Anlage parke. Der Zutritt kostet 22.000 VND und ist gerechtfertigt. Die Tempelanlage an sich ist nicht sonderlich beeindruckend, aber umgerechnet ca. 80 Cent tun nicht weh. Zudem hat man von dem Hügel aus einen schönen Ausblick über Nha Trang.

Rund 40 Minuten verbringe ich auf dem Gelände, bedecke meine Extremitäten, gehe in die engen Tempel hinein und schaue mir eine seltsame Bet-Tanz-Performance einiger traditionell gekleideter Frauen an – klassisches Tourizeug.

Auf der Rückfahrt springt plötzlich mitten im Verkehr die Kette ab, lässt sich aber zum Glück problemlos wieder aufziehen. Scheinbar hat sie sich ein gutes Stück geweitet während der letzten 1.850 Kilometer. Im Hostel frage ich nach einem kompetenten Mechaniker und werde wenige hundert Meter weiter auch gleich fündig. Für 50.000 VND lasse ich ein Glied entfernen (haha) und die Kette neu spannen. Danach mache ich mich auf nach Mũi Né.

Die ersten zwei Stunden fahre ich im Regen, der allerdings lange nicht so stark ausfällt wie in den Tagen zuvor. Später klart es auf und zum Nachmittag hin fahre ich bei schönstem Wetter. Der Highway 1 zeigt sich zudem von seiner erträglichen Seite – das Verkehrsaufkommen ist sehr übersichtlich.

Irgendwo im Nirgendwo bekomme ich dann wieder Probleme mit meiner Kette. Diesmal springt sie jedoch nicht nur ab, sondern ich verliere sie und finde sie 50 Meter hinter mir auf dem Seitenstreifen wieder. Scheinbar hat der Mechaniker das Bindeglied nicht richtig montiert, denn es fehlt und macht die Kette nutzlos. Einige Meter weiter finde ich einen kleinen Shop, der offensichtlich Fliesen und Badarmaturen anbietet. Direkt davor erneuert ein junger Mann an einem hochgebockten Tuktuk die Bremsen. Ich begrüße ihn auf vietnamesisch, zeige ihm Kette und Motorrad und frage nach einer „Xuong“  (deutsche Aussprache des vietnamesischen Wortes für Werkstatt, hoffe ich).

Er schaut sich die Kette an, lächelt, nimmt sie mir ab und verschwindet in Richtung einiger anderer Häuser. Ich warte vor dem kleinen Laden und schließe in der Zwischenzeit Freundschaft mit drei Hundewelpen, die das Treffen bisher durch aufgeregtes Kläffen und Fiepen kommentiert haben.

Nach fünf Minuten kommt er wieder, mit meiner Kette in der einen und einigen Kettengliedern inklusive Bindeglied in der anderen Hand. Zuerst versuchen wir das Bindeglied von den restlichen Kettengliedern zu trennen, doch die Kette ist verrostet und wir bekommen es nicht los. Also bedeutet mein Helfer mir, die Kette über einem Ringschlüssel zu fixieren, während er mit Hammer und Schraubenziehern versucht einen Stift aus der Kette zu schlagen. So könnte man das komplette Teil in meine Kette integrieren.

Doch auch diese Versuche scheitern, begleitet von einigen deutschen und vietnamesischen Flüchen. Das Metall ist bereits zu stark korrodiert. Kurzerhand geht der junge Ladenbesitzer zu seinem Roller, entnimmt der Kette das Bindeglied und hält es mir lächelnd vor die Nase. Natürlich hat er mein wiederholtes „Are you sure?“ nicht verstanden, aber ich glaube er konnte den fragenden Blick deuten, denn er legt es in meine Hand, zeigt Daumen hoch und nickt nur.

Der Einbau geht schnell, und eine gute halbe Stunde nach dem Zwischenfall bin ich wieder startklar. Ich will meinem Helfer Geld geben, doch er lehnt es entschieden ab. Also verabschieden wir uns und ich beteuere nochmals sehr gerührt meinen Dank. Diese Erfahrung ist rückblickend die schönste Erinnerung an meine Vietnamreise.

Honda Win vor einer Talebene im Süden Vietnams

Ich fahre vorsichtig schaltend weiter, aber die Kette hält. Mũi Né kündigt sich durch vermehrt auftretende Sanddünen in der Landschaft an und Vietnam zeigt sich, mal wieder, von einer ganz neuen Seite. Entlang des Highways prägen große Felsbrocken das Erscheinungsbild der Küstengegend. Ich sehe industrielle Hafenanlagen, große Fabriken und auch immer mal wieder das Meer. Mich erinnert das Ganze an eine asiatische Mischung aus einer nordamerikanischen Wildwest-Landschaft und dem australischen Outback – obwohl es an diesen Orten etwas weniger Ozean gibt als hier.

Gegen kurz vor 17 Uhr biege ich vom Highway ab und fahre durch eine sanfte Hügellandschaft dem Meer und einem traumhaften Sonnenuntergang entgegen. Ich halte mehrmals an um Fotos zu machen und trotzdem gelingt es mir nicht, die Schönheit in Bildern festzuhalten. Jedenfalls macht diese Erfahrung den Regen der letzten Tage mehr als wett.

Gegen kurz vor 18 Uhr komme ich am Long Son Restaurant & Campground an, wo ich mich für drei Nächte einmiete und ein Bett im Coconut Dorm beziehe. Die verschiedenen Dorm-Rooms bestehen nur aus einem Dach aus Palmenblättern und ca. 20 Betten mit Moskitonetzen. Sie haben keine Seitenwände und stehen direkt am Strand.

Nach einem Abendessen an der Bar entdecke ich mehrere Hängematten hinter einem der Gebäude, von denen man eine schöne Aussicht auf das nächtliche Meer und den Vollmond darüber hat. Die zweite, wahnsinnig kitschige Momentaufnahme für heute. Ungefähr eine Stunde liege ich in der Matte, schaue mir den Mond an und höre dem Rauschen zu, bis mir gegen kurz vor 23 Uhr die Augen zufallen und ich schlafen gehe. Man ist das schön hier.

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