Vietnam – Tag 16

V.C.A.B.

Motorradreise durch Vietnam | 2016 | Tag 16
Honda Win an einer vietnamesischen Straße im Dezember

Um 4:30 Uhr klingelt der Wecker. Ich fühle mich natürlich nicht ausgeschlafen und packe mit verklebten Augen meine sieben Sachen zusammen. Die Probleme beginnen mit dem Checkout. Zwar ist die Rezeption 24 Stunden geöffnet, in dieser Frühe ist allerdings nur der Barkeeper vor Ort, der kaum Englisch spricht. Ich möchte mit meiner Kreditkarte zahlen, die angeblich bei drei Versuchen nicht akzeptiert wird. Quittungen oder Fehlerbelege gibt es nicht, da die Papierrolle im Gerät leer ist. Der Barkeeper ist mit seinem Latein am Ende und ich will sichergehen, dass ich grade nicht den dreifachen Preis gezahlt habe, also lasse ich den Chef wecken. Der bringt recht bedröppelt, aber in verständlichem Englisch, Licht ins Dunkel: Der Kartenleser ist kaputt. Also zahle ich mit meinen letzten USD und mache mich um kurz vor 6 Uhr, deutlich später als geplant, auf Richtung Saigon.

Die ersten vier Stunden fahre ich im Regen, also mit Poncho und Müllbeuteln über den Socken – wie in alten Zeiten. Trotz der bekannten Unannehmlichkeiten zeigt sich der Highway 1 durchaus bezwingbar, deutlich angenehmer als zwischen Huế und Hội An. Allerdings ist die Landschaft, nachdem ich Mũi Né hinter mir gelassen habe, an Tristesse kaum zu überbieten. Das Wetter macht es natürlich nicht besser. Ich nutze eine kurze Trockenphase um die GoPro nochmal provisorisch am Lenker zu montieren, aber leider ist der Akku leer. Scheinbar habe ich sie nach der letzten Nutzung in Buôn Ma Thuột nicht richtig ausgemacht.

Bei der Weiterfahrt fallen mir viele Motorradpolizisten auf. Mal stehen sie in Dreier- oder Vierergruppen an Ausfahrten, mal sehe ich einzelne Cops Lastwagen oder Motobikes auf dem Seitenstreifen kontrollieren. Ich ziehe mir mein Halstuch tiefer ins Gesicht, um die helle Hautfarbe bestmöglich zu kaschieren, habe aber trotzdem ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache.

Wenige Minuten später kommt das, was kommen muss: Ein junger Motorradpolizist schwenkt seine Kelle nach mir und bedeutet mir rechts ranzufahren. Ich halte an, ziehe den Schlüssel ab und stecke ihn mir schnell in die Tasche. Er fordert in erschreckend gutem Englisch die Registration Card für mein Motorrad, die ich ihm bereitwillig vor die Nase halte. Er reißt sie mir sofort aus den Händen. Tipp: Genau das sollte nicht passieren – die Registration Card stellt gewissermaßen den Fahrzeugbrief dar und wird für den späteren Wiederverkauf zwingend benötigt. Sobald der Cop die Karte in den Fingern hat, hat er dich bei den Eiern. Wie man es allerdings schaffen soll, diese bei sich zu behalten, kann ich dir nicht beantworten. Er will auch den Schlüssel abziehen, wird aber nicht fündig. Immerhin etwas.

Anschließend will er meinen Führerschein sehen. Ich reiche ihm meinen fast abgelaufenen, internationalen Führerschein – versuchen kann man es ja mal. Er blättert halbherzig darin herum, schüttelt den Kopf und will den Vietnamesischen sehen. Nachdem ich ihm beichte, dass ich keinen vietnamesischen Führerschein habe, fordert er eine Strafzahlung von 4.000.000 VND (ca. 150€) in bar – ansonsten lässt er mein Motobike abschleppen und wegschließen. Natürlich habe ich diesen wahnwitzigen Betrag nicht in bar dabei.

Zehn Minuten voller Flehen, Schauspielen und Herzklopfen später winkt er mich zu sich rüber und erklärt sich mit dem Inhalt meines Portemonnaies zufrieden: Etwas über 500.000 VND (ca. 20€), die straight in seine Hosentasche wandern. Tipp: Gewöhne es dir am besten an, immer nur 300.000 VND im Portemonnaie zu haben und verstaue den Rest, wenn du mehr mit dir führen solltest, in der Bauchtasche, den Socken oder wo auch immer. In verschiedenen Foren wird der Mindestbetrag, den die korrupten Polizisten akzeptieren, mit 200.000 VND beziffert – mit 300.000 VND gehst du also auf Nummer sicher. Genau so habe ich es in der Region um Mũi Né gehandhabt und hätte es besser auch mal so beibehalten. Trotz der unschönen Erfahrung ärgere ich mich nur kurz. Um es mit den Worten von Pablo Escobar zu sagen: „Ich pisse 20€“.

Ich fahre also weiter und nehme die Abfahrt an der ich rausgewunken wurde. Am Ende dieser passiere ich die nächste Gruppe Motorradpolizisten, die aber glücklicherweise nicht reagieren. Ich gönne mir am Straßenrand erstmal einen eiskalten O-Saft und stelle die Route auf meinem Navi um. Statt relativ dicht an Saigon vorbeizufahren, entscheide ich mich einen weiten Bogen darum zu machen und so oft es geht auf einfache Überlandstraßen auszuweichen.

Gegen kurz vor 15 Uhr erreiche ich schließlich die Cu Chi Tunnel in Benh Duoc. Ich parke direkt am Eingang, sichere Backpack und Helm so gut es geht mit Schlössern und Spannseilen und mache mich auf zu den Tunnelanlagen. Das Ticket für die Anlage und der Parkplatz kosten mich insgesamt 94.000 VND.

Waldweg bei den Cu Chi Tunneln nahe Benh Duoc in Südvietnam

Am Eingang zu den Tunneln wird ein ca. 20-minütiger, englisch synchronisierter Dokumentarfilm gezeigt. Im Anschluss erklärt ein ortskundiger Führer mir und vier weiteren Touristen den Aufbau der Tunnelsysteme und dessen erstaunliche Infrastruktur. Aufgrund meiner Figur bin ich der Einzige aus der Gruppe der durch die „originalen“ Tunnel kriechen darf.

Erst eine Strecke von 5 Metern, danach ca. 10 Meter und im Anschluss ca. 35 Meter inklusive Abzweigungen. Vor dem letzten Gang werde ich eindringlich davor gewarnt, anders abzubiegen als vorgegeben. Die „Touristentunnel“ sind Teil des über 250 Kilometer langen unterirdischen Systems und noch immer damit verbunden. Man sollte sich also tunlichst nicht darin verlaufen. In Deutschland undenkbar, in Vietnam gängige Praxis.

Zum Abschluss der Tour gibt es einen Vietcong-Wurzelsnack mit Erdnüsschen und Kräutersalz zum Dippen, der zu Zeiten des Krieges das Hauptnahrungsmittel der Tunnelbewohner darstellte. Da ich heute noch nichts gegessen habe ein willkommener Schmaus. Danach schlendere ich noch ein wenig über das Gelände und schaue mir zeitgenössische Exponate von Schuhen, Waffen und Bodenfallen an. Schließlich kaufe ich mir an der Kasse noch eine Rolle Oreos, die ich auf dem Weg zum Motobike esse und verlasse das Gelände gegen 17 Uhr.

Auf dem Weg nach Cu Chi komme ich an einem kleinen Ein-Sterne-Hotel namens Hùng Anh vorbei und checke spontan für 200.000 VND ein. Direkt daneben befindet sich eine Werkstatt, wo ich für 100.000 VND einen letzten Ölwechsel machen lasse. Das Bike hat jetzt gute 2.500 Kilometer zurückgelegt. Anschließend schaue ich noch etwas fern und gehe früh schlafen, um für die morgige Einfahrt nach Saigon fit zu sein.

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