Vietnam – Tag 17

Lebe wohl, alter Freund

Motorradreise durch Vietnam | 2016 | Tag 17
Stark verschmutzte Honda Win zwischen anderen Motobikes in Saigon

Ich stehe um 4:45 Uhr auf, packe meine Sachen und verabschiede mich von dem Hotelbesitzer. Er begleitet mich noch mit vor das Hotel, wo ich die GoPro am Motobike anbringe. Um ein größeres Sichtfeld einzufangen, fixiere ich sie diesmal mit Kabelbindern und Panzertape am Blinker statt am Tacho – definitiv die bessere Lösung, wie das Video später beweist. Dann kippe ich ein kaltes Red Bull (in Vietnam übrigens ohne Kohlensäure) runter und mache mich gegen 5:30 Uhr auf in die größte Metropolregion Vietnams. Ungefähr 50 Kilometer trennen mich noch vom Ziel meiner Reise.

Anfangs gestaltet sich die Fahrt sehr angenehm. Außer einer Mücke, die es unter den Helm und in mein Ohr schafft, gibt es keinerlei erwähnenswerte Zwischenfälle. Mit zunehmender Helligkeit nimmt allerdings auch der Verkehr drastisch zu, und schon bald bin ich Teil einer träge fließenden Blechlawine aus tausenden knatternden Motobikes. Die GoPro filmt exakt eine Stunde, zehn Minuten und 40 Sekunden meiner Fahrt, kurz vor dem Zentrum ist der Speicher voll.

Sehenswerte Ausschnitte: Bei 5:30 Min. bekomme ich die Mücke ins Ohr, bei 10:40 Min. fahre ich auf den Highway 1 auf, bei 53:35 Min. gerate ich versehentlich auf eine Abbiegespur und habe Schwierigkeiten, diese wieder zu verlassen, und bei 1:00:35 Std. steckt sich ein Kerl vor mir an der Ampel mitten im dichtesten Verkehr eine Kippe an.

Nachdem ich unbeschadet im Stadtkern ankomme, treffe ich wenige hundert Meter von meinem Hostel entfernt auf den größten Kreisel, den ich bisher gesehen habe. Da ich ihn als eine Art „letzte Herausforderung“ in Vietnam ansehe, zwinge ich mich dazu ihn zu durchfahren, statt das Bike über Bürgersteige an eine normale Kreuzung zu schieben, und bin glücklicherweise erfolgreich: Gegen 8 Uhr erreiche ich das Saigon Charming Hostel und checke für drei Nächte ein.

Per WhatsApp verabrede ich mich für 15 Uhr mit Bradley, einem potenziellen Käufer für mein Bike, und mache anschließend einen ausladenden Spaziergang durch District 1 und angrenzende Gebiete. Eine Filiale der australischen ANZ-Bank, das Hard Rock Café und der Bitexco Financial Tower bleiben mir besonders in Erinnerung.

Ich treffe mich schon um 13 Uhr mit Bradley und nach einer kurzen Begutachtung sowie einer Probefahrt um den Block heißt es Abschied nehmen. Bis auf den kleinen Zwischenfall mit der Kette hat mich mein Honda-Fake auf über 2.600 Kilometern nie im Stich gelassen, daher ist etwas Wehmut durchaus berechtigt. Dass Brad mir meinen Helm für 500.000 VND zusätzlich abkauft bessert meine Laune jedoch schnell wieder. Knieschoner, Vaseline und den zerfledderten Regenponcho überlasse ich ihm kostenlos. Nach einem abschließenden Smalltalk sowie einigen Tipps und Hinweisen zum Motorradfahren in Vietnam verabschieden wir uns und die Win knattert mit ihrem neuen Besitzer davon.

Zu Fuß mache ich mich auf in die Phạm Ngũ Lão Street, die eine abgeschwächte Version der Khao San Road in Bangkok und die Backpacker-Area in Saigon darstellt. Dort treffe ich mich mit Didi, der nachmittags in der Stadt angekommen ist. In einer Garküche essen wir auf den typischen, kleinen Plastikhockern zu Mittag und machen uns anschließend gemeinsam auf zum Bitexco Financial Tower, wo wir für 200.000 VND ein Ticket lösen und auf die mäßig spektakuläre Aussichtsplattform auf der 50. Etage herauffahren.

Auf Nachfragen bekommen wir heraus, dass man die deutlich spektakulärere Außenplattform nur für 2.000 USD pro Stunde mieten (und betreten) kann. Da wir die Exklusivität der Attraktion bei diesem Dumpingpreis allerdings ernsthaft in Frage stellen, entschließen wir uns zu verzichten.

Aussicht vom Bitexco Financial Tower über Saigon

Es folgen die obligatorischen Besuche weiterer Sightseeing-Ziele: Die kitschig-schöne Notre Dame Cathedral, der unglaublich enge Bến Thành Market und schließlich das War Remnants Museum, um nur die wichtigsten zu nennen. Letzteres verlasse ich mit einem sehr flauen Gefühl im Magen. Die vielen Fotografien sind nichts für zart Besaitete und veranschaulichen das ganze Ausmaß des Vietnamkrieges: Spätfolgen, Massaker, Kriegsverbrechen und vor allem die unglaubliche Überlegenheit der USA.

Ich bewundere die Vietnamesen dafür, dass sie überhaupt einen Weg gefunden haben, mit dieser Last und Ungerechtigkeit umzugehen. Und wenn die, anfangs von mir belächelte, einseitige Art der Berichterstattung ein Teil davon ist, will ich der Letzte sein, der deren Gebrauch verurteilt.

Ein Panzer der US-Armee im War Remnants Museum in Saigon

Abends gibt es zum krönenden Abschluss des letzten Treffens mit Didi nochmal amerikanische Küche – ein Large Royal Burger Menu bei McDonalds mit 10.000 VND Rabatt, da der Filiale die Tomaten ausgegangen sind. Im Anschluss verabschiede ich mich, gehe im Hostel zum zweiten Mal duschen und besorge mir in einem Kiosk um die Ecke noch eine Rolle Oreos, Kaugummi, Deo, Wasser und ein Bier. Nach dem Bier beziehe ich Quartier in meinem Dorm-Room und schlafe dank Oropax und Schlafmaske schnell ein.

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