Vietnam – Tag 3

Erste Fahrt, erster Unfall

Motorradreise durch Vietnam | 2016 | Tag 3
Belebte Straße in Vietnams Hauptstadt Hanoi

Um 6:30 Uhr stehe ich auf und frühstücke in der Hostel-Lobby ein leckeres Omelette. Danach mache ich mich auf um einen fahrbaren Untersatz zu suchen.

Leider sehe ich nur wenige „For Sale“ Schilder vor Hostels, daher beschließe ich, im Golden Charm noch ein bisschen Internetrecherche zu betreiben. Dabei stoße ich auf den Händler Phung Motorbike mit sehr guten Rezensionen – auf auf. In dem kleinen Laden angekommen trinke ich einen sehr bitteren Tee und unterhalte mich länger mit dem Besitzer, Mr. Phung: Er hat eine große Auswahl an Zweirädern in seinem Warehouse, gerade wenn ich Schaltung fahren könnte würde ich dort ganz sicher fündig werden.

Auf die Frage wo das Lager denn ist, bekomme ich eine Nussschale von Helm in die Hand gedrückt und er zeigt auf einen roten Roller: „15 minutes away from here.“ Als er auf ein anderes Moped steigt wird mir etwas mulmig, eigentlich wollte ich irgendwo außerhalb meine ersten Fahrversuche tätigen und nicht im Zentrum von Hanoi. Yolo: Die ersten Minuten läuft es ganz gut, auch wenn Mr. Phung einige Male auf mich warten muss. Als ich dann, permanent „scheiße scheiße scheiße“ murmelnd, auf die vierspurige Trần Quang Khải aufbiege, verliere ich meinen Vorfahrer kurz aus den Augen und fahre, während ich nach ihm Ausschau halte, einem roten Kleinwagen hintendrauf. Der Fahrer schaut mich mit einer Mischung aus Unverständnis und Verwirrung an und versteht offensichtlich kein Englisch. Hoffentlich kann er irgendwie deuten, dass es mir Leid tut.

Nach einer spektakulären Fahrerflucht finde ich dann auch den Ladenbesitzer einige Meter weiter wieder und kann den Rest der Fahrt fast ein wenig genießen. Wichtiger Tipp: Schon hier lerne ich die goldene Regel fürs Motorradfahren in Vietnam – Fahre vorausschauend und so, dass andere Verkehrsteilnehmer dein Verhalten schon lange im Voraus deuten können. Geisterfahrten, Fahrten auf dem Bürgersteig – alles kein Problem, so lange man sich sukzessive vorarbeitet und anderen frühzeitig die Chance gibt zu reagieren. Es gibt dort nicht gefährlicheres, als plötzlich die Spur zu wechseln oder zu hart abzubremsen – so etwas sind die Vietnamesen nicht gewohnt.

In dem Warehouse angekommen werden mir sechs Honda Wins vorgestellt. Nach einer Prüfung der Reifen (Profiltiefe, Risse im Gummi, eingefahrene Nägel), des Rahmens (Brüche, Risse, Schweißnähte) und des Motors (Öl, Ruß, Kabel) bleiben zwei Modelle in der engeren Auswahl. Tipp: Lass dich nicht von überlackierten Teilen blenden. Bei Händlern ist es üblich, dass die aufgekauften Bikes eine ordentliche Portion neue Farbe bekommen, um schicker auszusehen. Verliert der Motor Öl, sind überlackierte Tropfen oder ein überlackierter, dickflüssiger Schmierfilm trotzdem zu erkennen, wenn man genau hinschaut. Kompromisse muss man natürlich eingehen, schließlich kauft man hier ein Moped, dass das Land wahrscheinlich schon diverse Male hoch- und runtergeorgelt wurde. Weitere Hinweise zum Kauf eines Motorrads in Vietnam findest du in dem Blogbeitrag Honda Win kaufen.

Seitenstraße in Vietnams Hauptstadt Hanoi mit einigen Motorrädern

Nach einer erfolgreichen Probefahrt bekommt mein favorisierter Hobel noch neue Birnchen für den bis dahin kaputten Blinker, einen Gepäckträger mit vier Spannbändern, einen Ölwechsel und einen neuen Vorderreifen, danach wechselt er für 285 € den Besitzer. Die Rückfahrt zurück zum Laden in der Innenstadt verläuft ohne weitere Probleme. Den halben Kilometer zurück zum Hostel schiebe ich aber trotzdem, ohne Vorfahrer habe ich noch zu viel Schiss. Nachdem ich die Kette dick mit Vaseline eingefettet und die wichtigsten Schrauben alle mal nachgezogen habe, mache ich mich zum Ho-Chi-Minh-Mausoleum auf.

Abends plane ich den weiteren Trip im Hostel und weiche im Zuge dessen von der ursprünglichen Idee ab, zuerst in die Ha Long Bay zu fahren: Laut Leandro ist die Strecke nicht sehenswert und recht gefährlich, viele Trucks und Busse. Das Internet bestätigt diese Aussagen. Daher werde ich morgen den ersten Abschnitt des Ho-Chi-Minh-Highway in Angriff nehmen.

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