Vietnam – Tag 9

Highway 1 ist scheiße

Motorradreise durch Vietnam | 2016 | Tag 9
Eine Honda Win auf dem Wolkenpass in Zentralvietnam

Gegen 8 Uhr gehe ich in der Hotellobby frühstücken, draußen regnet es schon den ganzen Morgen stark. Als der Regen in ein leichtes Nieseln übergeht, latsche ich mit zwei Paar Socken in den klammen Schuhen 4 km bis zur Imperial City. Dort zahle ich 150.000 VND Eintritt und besichtige die teilrestaurierten Tempelanlagen (der Großteil wurde im Krieg zerbombt).

Hier lernt man Einiges über die Geschichte des Landes – sowohl über die Kaiserzeit, als auch über die jüngere Vergangenheit und den Vietnamkrieg. Wenn du geschichtlich interessiert bist, solltest du diesen Besuch also definitiv mitnehmen.

Im Anschluss flaniere ich klatschnass zurück ins Hotel und esse im Xuan Trang Cafe um die Ecke zu Mittag – heißer Ingwertee und Kaffee inklusive. Danach packe ich mich so gut es eben geht wasserdicht ein, lasse noch meinen zweiten Ölwechsel machen und versuche anschließend über kleinere Straßen an der Küste entlang nach Hội An zu kommen. Nach 15 Minuten endet meine Fahrt abrupt in einer Sackgasse. Da mein Fahrradponcho bereits zerfleddert ist und mein Navi den Küstenweg einfach nicht schlucken will wähle ich die schnellste Route: Highway 1.

Kurz hinter Huế winkt mir ein Local, der ebenfalls auf einem Motobike unterwegs ist, wild zu und bedeutet mir anzuhalten. Am Straßenrand versucht er mir in auffällig gutem Englisch klar zu machen, dass mein Hinterrad gefährlich schlackert und ich unbedingt zu einem Mechaniker muss – er kennt auch zufällig einen in der Nähe. Tipp: Seid bei so etwas sehr kritisch. Die Ursache für ein schlackerndes Hinterrad z.B. müsste sich auch im Stand leicht finden lassen. Natürlich war alles in bester Ordnung und der Kollege wollte eine schnelle Mark mit dem dummen Touri verdienen. Aber nicht mit mir Freundchen!!! Glücklicherweise war dies meine einzige wirklich negative Erfahrung mit den ansonsten sehr freundlichen und hilfsbereiten Vietnamesen.

Gestern noch müde belächelt, zeigt die Hauptverkehrsader Vietnams heute ihr wahres Gesicht: Unmengen von großen Trucks sind unterwegs, die mit ihrer Fahrweise ganz klar aufzeigen, dass hier das Recht des Stärkeren gilt. Der Dauerregen erschwert zusätzlich die Sicht und macht diesen Abschnitt im Nachhinein zur gefährlichsten Passage meiner Reise. Tipp: Der Blick in den Rückspiegel ist hier fast genau so wichtig wie der Blick auf die Straße – viele LKW-Fahrer scheren nicht aus wenn sie überholen wollen, sondern erwarten, dass langsamere Verkehrsteilnehmer auf den Seitenstreifen wechseln. Auf diesem fahren allerdings häufig Zweiräder entgegen der Fahrtrichtung. Also sei vorsichtig, aufmerksam und (wie bereits gesagt, das Wichtigste überhaupt) verhalte dich vorhersehbar.

Als mich irgendwann zwei sich gegenseitig überholende Trucks überholen und ich brav auf den Seitenstreifen wechsle, sehe ich mich dort statt mit einer asphaltierten Fahrbahn mit einem ca. 20 Meter langen Wasserloch konfrontiert. Die Straße ist unterspült. Bei einer Vollbremsung hätte es mich auf der nassen Straße sicherlich umgelegt und ausweichen kann ich nicht, da die Fahrbahn rechts durch die Leitplanke und links durch die LKW begrenzt ist. Also bremse ich sehr zaghaft ab und bete, dass das Loch nicht allzu tief und vor allem die Straße darunter nicht aufgerissen ist.

Ich schätze, dass ich mit ca. 50 km/h in die überdimensionale Pfütze hereingefahren bin. Das Wasser geht mir bis zu den Füßen, aber bis auf ein bisschen Geschlenker passiert nicht viel. Die Erleichterung darüber dauert allerdings nur wenige Sekunden an, denn der LKW neben mir produziert bei der Durchfahrt eine riesige Welle, die mich von oben bis unten trifft und eine amtliche Menge Wasser schlucken lässt. Ich komme mir vor wie im Comic.

Zwar regnet es noch, aber die Straßenverhältnisse verbessern sich: Ich fahre vom Highway 1 aus auf die ca. 25 Kilometer lange Đèo Hải Vân ab, die direkt über den Wolkenpass führt. Nach einem steilen, kurvigen Aufstieg mündet die Straße in eine kurze Bergpassage, welche die Trennlinie der beiden Klimazonen Süd- und Nordvietnam darstellt und fast immer in dichten Nebel gehüllt ist – daher der Name. Auch als ich den Wolkenpass überquere, lassen sich die Bergkuppen in der Ferne nur erahnen. Erst bei der ebenfalls recht steilen Abfahrt öffnet sich die Wolkendecke ein wenig und ich kann einige kurze Blicke auf das vor mir liegende Küstengebiet erhaschen.

Nach weiteren eineinhalb Stunden Fahrt erreiche ich vollkommen durchnässt das kleine, jedoch sehr touristisch geprägte Fischerdorf Hội An und checke im Dai Long Hostel ein. Dort gehe ich erst einmal so lange heiß duschen wie es der Boiler zulässt – etwa zwei Minuten. Im Anschluss gebe ich ca. 3/4 aller meiner Klamotten zur Wäsche, da heute auch vieles im Rucksack nass und klamm geworden ist.

Eine vom stundenlangen Motorradfahren im Regen gezeichnete linke Hand

Im Anschluss spaziere ich mit meinem zerfledderten Fahrradponcho im Regen ein bisschen durch Hội An, esse im BOBO Restaurant recht gut zu Abend und unterhalte mich mit einem älteren Pärchen aus Australien. Gegen 21 Uhr gehe ich zurück ins Hotel und schaue mir noch ein paar amerikanische Hitler Dokus auf Discovery Channel an.

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